In Zeiten einer akuten diplomatischen Krise zwischen Kiew und Warschau rücken nicht nur die Aussagen der Politiker, sondern auch die Haltung der Gesellschaft in den Vordergrund. Laut einer aktuellen Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS) spricht sich eine überwältigende Mehrheit der Ukrainer – 90 % – für einen konstruktiven Ansatz zur Beilegung historischer Streitigkeiten mit Polen aus.
Pragmatismus statt Ideologie
Die Ergebnisse der soziologischen Studie, die von RBC-Ukraine veröffentlicht wurden, zeigen, dass die ukrainische Gesellschaft auf Kompromisse und nicht auf Konfrontation eingestellt ist. Mehr als die Hälfte der Befragten (57 %) vertritt eine pragmatische Sichtweise: Jede Nation hat das Recht auf ihre eigenen Helden, und die Einmischung anderer Länder in diese Angelegenheit ist unzulässig.
Ein erheblicher Teil der Bürger (33 %) glaubt an die Wirksamkeit eines Expertendialogs. Sie sind der Ansicht, dass ein Konsens in historischen Fragen möglich ist, wenn die Arbeit von gemeinsamen Historikerkommissionen und nicht von Politikern geleistet wird.
Radikale Positionen sind in der Gesellschaft praktisch nicht vertreten. Nur 1 % der Befragten ist der Meinung, dass die Ukraine die polnische Sicht auf die Geschichte vollständig übernehmen sollte. Weitere 4 % plädieren dafür, Polen die Subjektivität in historischen Fragen zu entziehen.
Ursache des diplomatischen Bruchs
Die Verschärfung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern wurde durch die Entscheidung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki ausgelöst. Am 19. Juni entzog er dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj den Orden des Weißen Adlers – die höchste staatliche Auszeichnung Polens.
Der offizielle Grund für diesen Schritt war die Verleihung einer Ehrenbezeichnung an eine der Spezialeinheiten der ukrainischen Streitkräfte zu Ehren der Helden der UPA. Diese Entscheidung löste eine Kettenreaktion in der ukrainischen Elite aus. Von polnischen Auszeichnungen distanzierten sich die ehemaligen Präsidenten Leonid Kutschma, Wiktor Juschtschenko und Petro Poroschenko. Ähnliche Erklärungen gaben der Leiter des Auslandsnachrichtendienstes Kyrylo Budanow, der Außenminister Andrij Sybiga und der ehemalige Ministerpräsident Wolodymyr Hroisman ab.
Die Antwort von Kiew
Wolodymyr Selenskyj reagierte scharf auf die Aktionen seines polnischen Amtskollegen. Der ukrainische Staatschef erklärte, Nawrocki nutze die Hetze gegen Ukrainer als Instrument für den innerpolitischen Kampf. Selenskyj zog auch Parallelen zu den Aktionen des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán und stellte fest, dass Warschau fremde Fehler wiederhole.
In seiner Rede betonte der ukrainische Führer die Schlüsselrolle Kiews bei der Gewährleistung der regionalen Sicherheit. Nach seinen Worten schützen gerade die Ukrainer mit ihrem eigenen Leben nicht nur ihr eigenes Land, sondern auch Polen und die gesamte Europäische Union.
Diplomatische Bemühungen
Trotz der emotionalen Rhetorik setzt das offizielle Kiew seine Arbeit zur Stabilisierung der Situation fort. Das Außenministerium der Ukraine erklärte, dass es mit der polnischen Seite eine „ruhige diplomatische Arbeit“ führe. Das Hauptziel dieser Bemühungen ist es, die Spannungen zu verringern und die Verschärfung der bilateralen Beziehungen unter Berücksichtigung der Sicherheits- und Kooperationsinteressen zu regeln.