Das ukrainische Kino sucht unter den Bedingungen eines Krieges auf voller Intensität weiterhin nach Partnern, Finanzierung und einem Weg zum internationalen Publikum. In diesem Kontext sind große Filmfestivals längst nicht mehr nur Ort für Premieren: Sie haben sich zu einem vollwertigen Instrument zur Entwicklung der Industrie und der Kreativwirtschaft entwickelt. Darüber sprach Anna Martschuk in einem Interview mit Wave RBC.UA – Direktorin des Odesa International Film Festival (OIFF), Mitbegründerin und Geschäftsführende Direktorin der Ukrainischen Filmakademie sowie Mitbegründerin und Leiterin des Projekts Dzyga MDB.
Festival als Infrastruktur, nicht nur als Premierenort
Wie Martschuk betont, ist es unkorrekt, die kulturelle und die industrielle Funktion eines Festivals gegeneinander auszuspielen: Ein starkes Festival wirkt gleichzeitig auf mehreren Ebenen. Für das Publikum ist es die Möglichkeit, Filme zu sehen, die oft nicht in den breiten Kinostart kommen, Autoren zu treffen und an Diskussionen über das zeitgenössische Kino teilzunehmen. Für die Industrie ist es eine Plattform, an der sich Menschen, Ideen, Geld und Möglichkeiten treffen. Für Stadt und Land ist es ein Teil der Kreativwirtschaft und des kulturellen Images. Deshalb, so merkt sie an, kann ein Festival längst nicht mehr nur anhand der Anzahl verkaufter Tickets oder der Zuschauer in den Sälen bewertet werden.
Rund um ein großes Festival entsteht eine ganze Infrastruktur: Filmproduzenten, Vertriebspartner, Kinos, technische Teams, Kommunikationsfachleute, Hotels, Restaurants, Verkehr und der Tourismussektor. Es schafft Arbeitsplätze, Aufträge und neue berufliche Kontakte und vor allem ein Umfeld, ohne das sich die Industrie nicht entwickeln kann. „Wir müssen nicht nur die Produktion ukrainischer Filme unterstützen, sondern die gesamte Kette ihres Bestehens erhalten: von der Entstehung einer Idee und der Suche nach Partnern bis zum Treffen des fertigen Films mit dem Publikum“, unterstreicht Martschuk.
Praktischer Wert für den Filmmarkt
Der wichtigste praktische Wert eines Festivals, so die Einschätzung der OIFF-Direktorin, ist die Konzentration von Möglichkeiten in einem sehr kurzen Zeitraum. Menschen, die im normalen Leben Monate bräuchten, um einander zu finden, treffen sich in einem gemeinsamen beruflichen Raum. Für einen Regisseur kann das Festival das erste Treffen mit einem Produzenten oder einem internationalen Partner sein, für einen Produzenten die Möglichkeit, einen Koproduzenten, Vertriebspartner oder Sales-Agenten zu finden, für einen Vertriebspartner die Chance, einen Film zu sehen und sein Potenzial einzuschätzen, und für einen jungen Autor die Gelegenheit, professionelles Feedback zu erhalten und zu verstehen, wie man aus einer Idee ein vorangetriebenes Projekt macht. Genau deshalb war der professionelle Teil immer ein wichtiger Bestandteil der DNA des OIFF: Das Festival schafft Einstiegspunkte in die Industrie und Raum für horizontale Kontakte.
Partnerschaften und Deals: Der lange Zyklus von Filmprojekten
Martschuk betont die Spezifik der Filmindustrie: Ein Deal wird keineswegs immer direkt am Tisch während des Festivals unterschrieben, da Filmprojekte einen langen Entwicklungszyklus haben. Vom ersten Gespräch bis zum Vertrag, zur Finanzierung oder zum Produktionsstart können Monate, manchmal sogar Jahre vergehen. Deshalb schafft das Festival oft gerade den ersten Kontakt: Ein Produzent stellt ein Projekt vor, lernt einen potenziellen Partner kennen, sie setzen die Kommunikation nach dem Festival fort und treffen sich dann auf einem anderen internationalen Markt. Festivals formen, so ihre Worte, auch berufliche Gemeinschaften, und Kino ist eine kollektive Kunst und ein sehr komplexes Geschäft, in dem kein Regisseur, Produzent oder Drehbuchautor im Vakuum existiert: Je mehr Kontakte, Erfahrungsaustausch und Vertrauen innerhalb der Industrie bestehen, desto stabiler wird sie.
Warum Kultur eine Investition ist
Die Tatsache, dass ein großes internationales Festival in der Ukraine während des Krieges weiter stattfindet, ist für Martschuk nicht nur symbolisch wichtig: Es bedeutet, dass die Industrie weiterarbeitet, dass ukrainisches Kino entsteht, dass sich Fachleute treffen und weitere Projekte planen – also dass das kulturelle Leben nicht bis zum Ende des Krieges pausiert. In diesem Sinne sollten Investitionen des Unternehmens in Kultur als Beitrag zu einer nachhaltigen Kreativwirtschaft und zum internationalen Image des Landes betrachtet werden, nicht als Posten in den Ausgaben, was, so die Einschätzung der Gesprächspartnerin, der Schlüssel zur Integration des ukrainischen Kinos in den Weltmarkt ist.
Widersprüchliche Angaben
Im Interview weist Martschuk darauf hin, dass der OIFF „in diesem Jahr“ in Kiew vom 27. August bis 4. September stattfindet. Zusätzliche Quellen (Focus.ua) verknüpfen die Kiewer Spielstätte und die Eröffnungszeremonie mit dem 16. OIFF, der 2025 stattfand. Somit bezieht sich die Formulierung „in diesem Jahr“ in der Originalquelle auf die Saison 2025, während für das aktuelle Datum der Materialerstellung (August 2026) die genauen Daten und der Austragungsort des nächsten, 17. Festivals in den vorliegenden Quellen nicht bestätigt sind. Beide Datumsvarianten werden der Transparenz halber angegeben: Der Inhalt des Interviews über die Rolle der Festivals hängt nicht vom konkreten Austragungsjahr ab.