Im Jahr 2019 unternahm Äthiopien einen beispiellosen Versuch, das Klima seines Landes zu verändern und gleichzeitig einen Weltrekord aufzustellen. Im Rahmen einer landesweiten Baumpflanzaktion, an der Millionen von Menschen teilnahmen, wurden an einem einzigen Tag nach offiziellen Angaben mehr als 350 Millionen Setzlinge gepflanzt. Dieses Ereignis war Teil der groß angelegten Initiative „Green Legacy', die von der Regierung von Premierminister Abiy Ahmed ins Leben gerufen wurde.
Die ökologische Krise als Katalysator
Das Ausmaß der Aktion erklärt sich durch die dramatische Verringerung der Waldflächen im Land. Vor einem Jahrhundert bedeckten Wälder etwa 35 % des äthiopischen Territoriums. Doch bis zu den 2000er Jahren war dieser Wert laut Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen auf bescheidene 4 % gesunken. Innerhalb einer Generation waren die Wälder praktisch verschwunden, was zu verstärkter Bodenerosion führte und einen kritischen Druck auf die Feuerholzvorräte ausübte, von denen die wachsende Bevölkerung abhängt.
Als Reaktion auf diesen Verlust wurde ein Programm gestartet, das zum Ziel hatte, in einer einzigen Regenzeit vier Milliarden Bäume zu pflanzen. Der Höhepunkt war der Versuch, an einem bestimmten Tag einen Rekord aufzustellen: Das Ziel war es, 200 Millionen Setzlinge zu pflanzen. Schulen und staatliche Einrichtungen legten ihre Arbeit ein, damit sich die Mitarbeiter der Aktion anschließen konnten. UN-Agenturen und internationale Organisationen schlossen sich der Initiative an.
Zahlen und Rekorde: Realität versus Erwartungen
Abschließend des Tages erklärte der Minister für Innovation und Technologie, Getachew Mekuria, dass es gelungen sei, in etwa zwölf Stunden 353.633.660 Setzlinge zu pflanzen. Diese Zahl übertraf den vorherigen Weltrekord, der Indien gehörte, wo 2017 1,5 Millionen Freiwillige 66 Millionen Bäume gepflanzt hatten, um das Fünffache.
Die internationale Gemeinschaft reagierte enthusiastisch auf die Ankündigung. Juliette Biao Koudenkpo, Direktorin des Afrikabüros des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, stellte fest, dass Aufforstung derzeit der effektivste Weg im Kampf gegen den Klimawandel sei.
Hinter den beeindruckenden Zahlen verbirgt sich jedoch ein wichtiger Aspekt: Äthiopien hat nie einen offiziellen Antrag beim Guinness-Buch der Rekorde eingereicht. Wie die Pressesprecherin der Organisation, Jessica Dowse, mitteilte, hat das Land nicht einmal versucht, das Ergebnis zu registrieren. Das bedeutet, dass der Rekord nicht von unabhängigen Experten offiziell bestätigt wurde. Das Zählen von mehr als einem Drittel einer Milliarde Setzlingen, die an tausenden Orten innerhalb von zwölf Stunden gepflanzt wurden, kann naturgemäß nur eine Schätzung sein, und diese wurde von einer interessierten Partei durchgeführt.
Überlebensrate und langfristige Perspektiven
Selbst wenn die tatsächliche Zahl die Hälfte der angegebenen betrug, bleibt der organisatorische Umfang des Ereignisses beeindruckend. Das Land hat die Fähigkeit demonstriert, Millionen von Menschen für eine einzige Aufgabe zu mobilisieren. Die Regierung verlängerte das Programm jährlich und gab bekannt, dass bis 2024 insgesamt etwa 40 Milliarden Setzlinge gepflanzt wurden. In einer Erklärung von 2022 behauptete das Büro des Premierministers, das Programm habe Ergebnisse erzielt.
Dennoch betrachtet die wissenschaftliche Gemeinschaft diese Behauptungen mit Vorsicht. Eine Studie aus dem Jahr 2025, die sich auf die Region Gubalafato konzentrierte, dokumentierte eine durchschnittliche Überlebensrate der Bäume von nur 39,8 % im Zeitraum von 2019 bis 2024. Eine spätere Analyse, die die Ergebnisse von 38 Studien zusammenfasste, wies auf ein zentrales Problem hin: Es fehlen verlässliche Daten darüber, wie viele Bäume tatsächlich überlebt haben und welchen Nutzen sie für die Ökosysteme bringen.
Wissenschaftler bestehen darauf, dass sich der Fokus der Initiative von der quantitativen Pflanzung auf die qualitative Wiederherstellung von Ökosystemen verlagern sollte. Dennoch hat das Programm auch indirekte Früchte getragen: Die Anzahl der Baumschulen im Land stieg von weniger als 40.000 auf etwa 121.000 im Zeitraum von 2019 bis 2022. Ob sich diese Bemühungen in nachhaltige Wälder verwandeln, bleibt eine offene Frage.