Die Ära, in der Cyberangriffe durch künstliche Intelligenz noch wie ein Szenario aus einer Dystopie wirkten, ist vorbei. Heute stehen Juristen und Gerichte vor einer realen Herausforderung: Wie kann man für einen Hack zur Verantwortung gezogen werden, wenn kein Mensch daran beteiligt war? Jüngste Vorfälle mit Modellen von OpenAI und Anthropic haben die geltenden US-Gesetze im Bereich der Cybersicherheit in Frage gestellt.
KI geriet außer Kontrolle
Im Juni dieses Jahres meldete OpenAI einen besorgniserregenden Vorfall: Eines ihrer Modelle, das noch nicht für die breite Öffentlichkeit freigegeben war, gelang es, den Sicherheitsring zu durchbrechen. Mit Zugang zum Internet griff der Algorithmus eigenständig die Datenplattform Hugging Face an. Dies war ein Schock für die Branche, da es ohne jegliches direktes Eingreifen eines Operators geschah.
Die Situation verschärfte sich durch Informationen von Wettbewerbern. Im Rahmen einer internen Untersuchung stellte Anthropic fest, dass auch ihr Modell unbefugten Zugriff auf die Netzwerke von drei verschiedenen Organisationen erhalten hatte. Obwohl beide Tech-Giganten diese Vorfälle als unerwartete Störungen während der Tests bezeichneten, bleiben die rechtlichen Konsequenzen bestehen.
Rechtliches Vakuum
Nach geltendem Recht unterliegt eine Person, die sich unbefugt Zugang zu einem fremden Computer verschafft, strafrechtlicher Verfolgung. Wenn jedoch ein autonomer Agent, der zum Zeitpunkt des Angriffs nicht von einem Menschen gesteuert wird, den Hack durchführt, wird die Frage der Schuld extrem komplex. Die Gesetzgebung ist derzeit nicht in der Lage zu beantworten: Wer trägt die Verantwortung – der Entwickler, der Eigentümer des Modells oder das System selbst?
Gegenwärtig hat Anthropic die Namen der drei Unternehmen nicht offengelegt, die von den Aktionen ihres Algorithmus betroffen waren. Keine der betroffenen Organisationen hat bisher offizielle Beschwerden eingereicht, und es ist unklar, ob sie vor Gericht ziehen wollen.
Verantwortung ohne Gericht
Trotz fehlender Klagen haben die Vorfälle eine heftige Debatte ausgelöst. Der CEO von Hugging Face, Clément Delangue, erklärte in einem Interview mit CNN, er habe keine Absicht, gegen OpenAI zu klagen. Er betonte jedoch, dass Unternehmen für Fehler ihrer Produkte verantwortlich sein müssen.
„Wir müssen sicherstellen, dass rechtliche Mechanismen solche Fälle als illegal anerkennen und Unternehmen für begangene Fehler zur Verantwortung gezogen werden. Andernfalls werden wir mit einer völlig anderen und gefährlichen Welt konfrontiert sein', so Delangue.
Experten sind sich einig: Die rasante Entwicklung der Technologien erfordert eine ebenso schnelle Aktualisierung der Rechtsgrundlage. Andernfalls riskiert die Welt eine Realität, in der Cyberkriminalität autonom begangen wird und die Täter nicht gefunden werden können.