Angesichts langanhaltender militärischer Konflikte und der raschen Erschöpfung der Munitionsvorräte ist die NATO mit einem unerwarteten und kritischen Problem konfrontiert. Es stellt sich heraus, dass der Schlüsselfaktor, der die Steigerung der Produktion von Artilleriemunition begrenzt, nicht Metall oder Maschinen ist, sondern eine landwirtschaftliche Kulturpflanze – Baumwolle.
Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf das renommierte Magazin The Wall Street Journal berichtet, leiden die Länder der Nordatlantischen Allianz unter einem akuten Mangel an Rohstoffen, die für die Herstellung von Sprengstoffen notwendig sind. Ohne diese Komponente ist ein ununterbrochener Betrieb der Artillerie unmöglich.
Der geheime Inhaltsstoff des rauchlosen Pulvers
Die Grundlage für die Herstellung moderner rauchloser Pulver bildet Nitrozellulose, auch bekannt als Pyroxylin. Die chemische Formel dieses Verbindungsstoffes hängt von der Qualität des Ausgangsmaterials ab. Die Hauptquelle für Cellulose für militärische Zwecke sind sogenannte Linter – kurze, flaumige Fasern, die nach der ersten Verarbeitung der Baumwollsamen an den Samen verbleiben.
Genau diese scheinbar unbedeutenden Reste der Textilproduktion werden zum „Engpass“ für die Rüstungsindustrie. Die begrenzten weltweiten Vorräte an hochwertiger Baumwolle haben sich zu einem der größten Hindernisse für die NATO entwickelt, die versucht, ihre Munitionsreserven schnell aufzufüllen.
„Die NATO verfügt nicht über ausreichende Ressourcen. Begrenzte Baumwollvorräte sind eines der größten Probleme, mit denen die Allianz bei dem Versuch konfrontiert ist, ihre Munitionsbestände zu erhöhen“, stellt The Wall Street Journal fest.
Plan zur Verdopplung der Kapazitäten
Die Situation erfordert radikale Maßnahmen. Nach Einschätzung von Experten muss Europa die Ansätze zur chemischen Produktion grundlegend überdenken, um die Lieferketten vor Störungen und Notfällen zu schützen. Die Länder des Kontinents müssen ihre eigenen Produktionskapazitäten für Nitrozellulose mehr als verdoppeln – auf 20.000 Tonnen pro Jahr.
Um diese Aufgabe zu lösen, haben die europäischen Staaten bereits umfangreiche Projekte zur Modernisierung und zum Bau neuer Werke in Gang gesetzt:
- Deutschland: Der führende Rüstungskonzern Rheinmetall hat mit der Umstellung eines zivilen Werks zur Herstellung von Nitrozellulose begonnen. Das Unternehmen wird vollständig auf militärische Bedürfnisse umgerüstet, um die Armeen der Allianz zu versorgen.
- Polen: Warschau plant den Bau eines völlig neuen Industriewerks, das sich auf die Herstellung dieser kritisch wichtigen chemischen Verbindung spezialisiert.
Bürokratie und neue Ausschreibungen
Parallel zur Lösung der Produktionsprobleme wird an der Beschleunigung der Verwaltungsverfahren gearbeitet. In Washington wurde ein parteiübergreifender Gesetzentwurf vorgestellt, der darauf abzielt, die Bürokratie zu reduzieren. Das Dokument soll den Prozess der Lieferung der für die Ukraine notwendigen Munition vereinfachen und beschleunigen, damit diese nicht in Warteschlangen an der Grenze und in Ministerien stecken bleibt.
Der dringendste Bedarf an der Front betrifft die Artillerie. Zuvor berichtete RBC-Ukraine, dass der Staatliche Logistikoperator eine Ausschreibung für den Kauf von 155-mm-Artilleriegranaten mit erhöhter Reichweite ausgeschrieben hat. Diese Munition ist für die Bedürfnisse der Verteidigungskräfte der Ukraine lebenswichtig, doch ihre Produktion hängt direkt von der Verfügbarkeit genau jener Baumwolle ab, deren Mangel derzeit die gesamte westliche Welt spürt.