Der ukrainische Kraftstoffmarkt erlebt eine neue Welle des Preisschocks. In den letzten zehn Tagen sind die Kosten für Benzin und Diesel an den Tankstellen um mehrere bis anderthalb Dutzend Hrywnja pro Liter gestiegen. Experten warnen: Wenn sich die aktuellen Trends fortsetzen, könnte der Kraftstoffpreis in naher Zukunft die psychologische Marke von 100 Hrywnja überschreiten.
Neue Realitäten an den Tankstellen: Wie viel kostet ein Liter jetzt?
Die Überwachung führender Tankstellennetzwerke (OKKO, WOG, SOCAR, «Ukranafte») hat gezeigt, dass die Verteuerung alle Kraftstoffkategorien betrifft. Laut Stand vom Mittwochmorgen, dem 29. Juli, sieht die Marktlage wie folgt aus:
- OKKO und WOG: Normaler Benzin A-95 kostet 82,90–83,50 UAH/l, Dieselkraftstoff (DT) — 90,90–91,80 UAH/l. Premium-Marken erreichen 93,90–94,80 UAH/l, und Gas — 42,90–44,50 UAH/l.
- SOCAR: Die Preise sind hier höher. A-95 wird für 85,40 UAH/l angeboten, und der Marken-Diesel hat die Marke von 95,90 UAH/l überschritten.
- «Ukranafte»: Das staatliche Netzwerk bietet die günstigsten Preise. A-92 kostet 77,90 UAH/l, A-95 — 79,90 UAH/l, und Diesel ist ab 86,90 UAH/l zu finden.
Globale Ursachen: Vom Nahen Osten bis nach Europa
Der plötzliche Preissprung wird durch das Zusammenwirken mehrerer Faktoren verursacht, beginnend mit geopolitischen Spannungen bis hin zu logistischen Problemen. Die Wiederaufnahme der Kampfhandlungen zwischen den USA und dem Iran sowie die Aktivitäten der jemenitischen Huthi haben die Schifffahrt in den strategisch wichtigen Hormus- und Bab-el-Mandab-Straßen faktisch gelähmt. Dies führte dazu, dass der Weltmarktpreis für Rohöl der Sorte Brent am 23. Juli erstmals seit Mai 100 Dollar pro Barrel überschritt.
Obwohl sich die Kurse an der Londoner Börse ICE später auf 83,7 Dollar zurückbildeten, werden ukrainische Fahrer diese Preissenkung vorerst nicht spüren. Der Direktor der Energieprogramme des «Razumkov-Zentrums», Wladimir Omelchenko, erklärt die Situation damit, dass die Ukraine kein Rohöl, sondern fertige Mineralölprodukte kauft, deren Kosten an europäischen Hubs gebildet werden.
«Die Ukraine ist vom Markt für Mineralölprodukte der EU abhängig, wo Platts der Hauptindikator ist. Die Kosten für Mineralölprodukte auf dem europäischen Markt stiegen viel stärker als die Ölpreise an den Weltmärkten. Dementsprechend kauften ukrainische Händler die Ressourcen bereits zu deutlich überhöhten Preisen», so Omelchenko.
Mangel an Kapazitäten und »Ameisen-Logistik«
Zur Geopolitik kam die Krise der Verarbeitungsanlagen in Europa hinzu. Der Gründer und Geschäftsführer der Prime Group, Dmitri Leuschkyn, stellt fest, dass es keinen weltweiten Mangel an Rohöl gibt, aber einen akuten Mangel an Benzin und Diesel.
Bisher deckte Europa die saisonale Nachfrage durch den Kauf von Kraftstoff aus Indien, Russland, Belarus, Kasachstan oder der Türkei. Jetzt sind diese Kanäle blockiert: Die griechische Ölverarbeitung ist von der Türkei abhängig, die russische Ressourcen aufkauft, und die indischen Raffinerien sind mit russischem Öl ausgelastet. Infolgedessen blieb Europa ohne zusätzliche Mengen an freiem Kraftstoff.
«Es ist für uns recht schwierig, zusätzliche Ressourcen zu kaufen. Wir suchen sie in kleinen Partien, daher kehrt jetzt die »Ameisen-Logistik« mit Tanklastern nach Rumänien zurück – das gab es schon seit zwei Jahren nicht», betonte Leuschkyn.
Rechtliche Barrieren und Panikkäufe der Landwirte
Ein weiterer Faktor für die Verteuerung ist die ukrainische Gesetzgebung. Ab dem 1. Juli 2026 wird im Land die Anforderung eingeführt, Kraftstoff mit einem Bioethanolanteil von mindestens 10 % (E-10) zu verkaufen. Die Ressource E-10 ist auf dem Markt viermal seltener als die Marken E0, E5 und E15, was die Importmöglichkeiten erheblich einschränkt.
Das beunruhigendste Signal war die anomale Kluft zwischen Groß- und Einzelhandelspreisen für Diesel. An den Ölbahnhöfen erreicht der Großhandelspreis 90–93 UAH/l (im Osten bis zu 95 UAH/l), während der Einzelhandelspreis an einigen Tankstellen auf 85–86 UAH/l gehalten wird. Dies hat eine Paniknachfrage ausgelöst: Landwirte, die angesichts der hohen Großhandelspreise vor der Ernte stehen, kaufen Kraftstoff en masse im Einzelhandel, wobei sie Fässer und IBCs verwenden. Einige Tankstellen haben ihre Vorräte bereits vorübergehend erschöpft.
Prognose: Was die Fahrer erwartet
Experten warnen, dass das aktuelle Ungleichgewicht ein enormes Potenzial für einen weiteren Preisanstieg schafft. Wladimir Omelchenko prognostiziert, dass die Durchschnittspreise für Diesel in der nächsten Woche oder zwei auf 90–92 Hrywnja steigen könnten. Die Einzelhandelspreise für Benzin werden ebenfalls um 4–5 Hrywnja steigen, da die aktuelle Marge die Kosten der Netzwerke nicht deckt.
Dmitri Leuschkyn gibt eine noch beunruhigendere Prognose ab: Die Preise für Diesel nähern sich bereits 95 UAH/l an, und der Markt könnte in naher Zukunft die Marke von 100 Hrywnja erreichen.