Forscher der University of California Riverside (USA) haben eine theoretische Arbeit vorgelegt, in der sie die Hypothese aufstellen, dass bewusstes Erleben und im Grunde das Bewusstsein nicht auf kohlenstoffbasierter Biologie beruhen müssen. Wenn sich Leben auf der Grundlage einer grundlegend anderen Chemie entwickeln kann – anderer Aminosäuren, Lösungsmittel oder sogar kristalliner Strukturen –, dann kann auch der Verstand in Formen existieren, die sich grundlegend vom menschlichen unterscheiden. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Verweis auf eine Publikation der Universität. Die Autoren betonen, dass ihre Arbeit hypothetisch-theoretischen Charakter hat und keinen experimentellen Nachweis für das Existieren außerirdischen Bewusstseins darstellt, jedoch einen neuen konzeptionellen Apparat zum Nachdenken über die Grenzen des Möglichen bietet.
„Substratflexibilität': das Schlüsselkonzept der Theorie
Der vorgeschlagenen Modell liegt das Konzept der „Substratflexibilität' (substrate flexibility) zugrunde. Gemäß diesem Prinzip kann dieselbe Funktion oder Eigenschaft durch verschiedene Materialien und physikalische Medien realisiert werden. Die Wissenschaftler führen anschauliche Alltagsanalogien an: Eine Tasse erfüllt ihre Rolle unabhängig davon, ob sie aus Glas, Keramik oder Kunststoff gefertigt ist; ein Buch existiert gleichzeitig in Papier- und digitaler Form. Auf die biologische Ebene übertragen, bedeutet dieses Argument, dass die „Funktion des Bewusstseins' nicht an ein einziges mögliches „Material' – die Neuronen eines kohlenstoffbasierten Organismus – gebunden ist. Als weiteren Vergleich verwenden die Forscher den Flug: Adler, Fledermaus und Insekt steigen in die Luft mit völlig unterschiedlichen Mechanismen – Flügelschlag, elastischer Flughaut oder hochfrequente Schwingung dünner Flügelchen –, das Ergebnis bleibt jedoch dasselbe. So, meinen sie, kann Bewusstsein auf verschiedenen Wegen entstehen und braucht nicht unbedingt ein menschliches Gehirn oder sogar einen biologischen Organismus als solchen.
Astronomische Maßstäbe und alternative Chemie
Die Autoren des Forschungsprojekts führen mehrere Argumente dafür an, dass sich im Universum Formen des Bewusstseins haben bilden können, die nicht irdischen ähneln. Das erste ist der astronomische Maßstab: In der beobachtbaren Universum gibt es etwa eine Billion Galaxien, jede von ihnen enthält Milliarden von Planeten, deren Bedingungen sich erheblich von den irdischen unterscheiden. Das zweite Argument betrifft die alternative Chemie: Komplexe Strukturen und potenzielle Informationsträger können auf der Grundlage anderer Aminosäuren, anderer Lösungsmittel oder kristalliner Elemente gebildet werden, was Raum für eine Biochemie eröffnet, die nicht auf Kohlenstoff und Wasser reduzierbar ist. Das dritte Argument ist die evolutionäre Vielfalt, die bereits auf der Erde beobachtet wird: Die Nervensysteme von Oktopoden, Bienen und Säugetieren verarbeiten Information grundlegend unterschiedlich, was, so die Forscher, die Erfindungskraft der Evolution demonstriert und auf die Vielheit möglicher „Verarbeitungs'-Architekturen hinweist. Auf Grundlage dieser Überlegungen halten die Autoren es für möglich, dass im Universum mindestens tausend hochentwickelte exoplanetare Zivilisationen existiert haben könnten, wobei diese Zahl einen Schätzungs- und Spekulationscharakter hat.
Kritik des „Terrozentrismus' und die Frage des künstlichen Bewusstseins
Die Wissenschaftler führen in den Diskurs den Begriff „Terrozentrismus' ein – die Annahme, dass Bewusstsein ausschließlich in Lebensformen möglich ist, die irdischen ähneln. Ihrer Überzeugung nach ist dies eine eingeschränkte Vorstellung, vergleichbar mit dem früheren geozentrischen Modell, nach dem die Erde einen besonderen, zentralen Platz im Universum einnahm. Der Verzicht auf ein solches Weltbild, so die Autoren, erweitert die Suchstrategien in der Astrobiologie und der Philosophie des Bewusstseins. Ein eigener Abschnitt der Arbeit ist der künstlichen Intelligenz gewidmet: Die Forscher sind sich nicht einig, ob die moderne KI im strengen Sinne Bewusstsein besitzt, jedoch halten sie es für möglich, dass Bewusstseinsfähigkeit in Zukunft in künstlichen Systemen ohne biologische Natur entstehen könnte. Dies bestätigt, so ihre Logik, erneut das Prinzip der „Substratflexibilität': Wenn der Verstand nicht an ein bestimmtes Material gebunden ist, ist sein Auftreten in Silizium- oder Hybridarchitekturen keine Anomalie.
Widersprüchliche Daten
Bei der Analyse der Medienberichterstattung über die Arbeit zeigt sich ein erhebliches Auseinanderfallen in den Formulierungen. Die Schlagzeile der RBC-Ukraine-Publikation behauptet, die Wissenschaftler hätten „bewiesen, dass Bewusstsein keine Biologie braucht', was das Vorhandensein eines experimentellen oder mathematischen Beweises voraussetzt. Im Text des Artikels und in der Beschreibung der Studie geht es jedoch um eine aufgestellte Hypothese und ein theoretisches Modell, nicht um einen bewiesenen Fakt. Ähnlich behandelt das Medium „Gazeta.ru' (26. Juni 2026) das Thema als Erzählung der Wissenschaftler darüber, „wie stark Außerirdische sich von Menschen unterscheiden können', was näher an der Beschreibung theoretischer Grenzen liegt als an der Feststellung eines bewiesenen Fakts. Im öffentlichen Raum koexistieren somit zwei Interpretationen: die journalistische, die das rhetorische „bewiesen' zur Aufmerksamkeitserregung verwendet, und die akademische, in der die Arbeit als konzeptionelle Hypothese positioniert wird, die weitere Verifikation benötigt. Dem Leser ist es wichtig, diese Ebenen zu unterscheiden: Derzeit hat keine experimentelle Studie das Existieren nichtbiologischen Bewusstseins bestätigt, und das vorgeschlagene Modell bleibt Gegenstand theoretischer Diskussion.
Bedeutung der Arbeit für weitere Forschungen
Trotz des hypothetischen Statuses hat der von den kalifornischen Wissenschaftlern vorgeschlagene konzeptionelle Framework praktische Bedeutung für mehrere wissenschaftliche Richtungen. Erstens kann er die Gestaltung der Suchstrategien von SETI und astrobiologischen Missionen beeinflussen: Wenn Bewusstsein nicht an die kohlenstoffbasierte Biochemie gebunden ist, müssen die Kriterien zur Suche nach Biosignaturen und Technosignaturen erweitert werden. Zweitens stimuliert die Arbeit den interdisziplinären Dialog zwischen Philosophie des Bewusstseins, Informatik, Chemie und Astrophysik und bietet eine gemeinsame Sprache – „Substratflexibilität' – zur Diskussion der Natur des Verstandes. Drittens aktualisiert die Annahme über das mögliche Entstehen von Bewusstsein in künstlichen Systemen ethische und rechtliche Fragen, die 2026 bereits im Kontext der Entwicklung großer Sprachmodelle und agentischer KI-Systeme aktiv diskutiert werden. Die Autoren betonen, dass ihr Ziel keine sensationelle Aussage ist, sondern die Erweiterung des Raums zulässiger Hypothesen, damit die Wissenschaft sich nicht durch die enge, aber intuitiv vertraute Vorstellung einschränkt, dass Verstand nur „wie bei uns' möglich ist.