In Kiew entbrennt ein neuer Rechtsstreit, der Präzedenzfall für den ukrainischen Medienraum werden könnte. Der ehemalige stellvertretende Oberste Militärstaatsanwalt Dmytro Borzykh hat eine Klage gegen das Medium ZN.UA und seine Chefredakteurin Inna Wedernikowa eingereicht. Auslöser für das Gerichtsverfahren war eine journalistische Enthüllung mit dem Titel „Der Fall der Anwalt-Hacker', in der der Kläger als Verdächtiger genannt wurde.
Die Kernaussage der Klage: Von 800.000 Hrywnja bis zum Recht auf den eigenen Namen
Der Kläger fordert die Widerlegung der in den Materialien von ZN.UA veröffentlichten Informationen, die sich auf eine Untersuchung des Nationalen Anti-Korruptionsbüros (NAZU) beziehen. Borzykh bestreitet die Tatsache, dass sein Name als Verdächtiger vor der Rechtskraft eines Urteils veröffentlicht wurde. Zudem fordert er von den Beklagten fast 800.000 Hrywnja als Gerichts- und Verfahrenskosten. Ein erheblicher Teil dieser Summe – 300.000 Hrywnja – wird als Entschädigung für die anwaltliche Vertretung geltend gemacht. Nach Ansicht des Klägers hat die Veröffentlichung seinem Ruf geschadet und die Unschuldsvermutung verletzt.
Position der Redaktion und des NAZU: Schutz der Meinungsfreiheit
Auf die Klage hin nahmen Vertreter von ZN.UA und des NAZU eine feste Position ein. Das Büro bestätigte, dass Borzykh tatsächlich im Rahmen des Verfahrens Nr. 52023000000000620 als Verdächtiger gilt. Die Ermittlungen gehen davon aus, dass eine Gruppe von Anwälten, einschließlich des Klägers, unbefugten Zugang zu Materialien von mindestens 100 Strafverfahren hatte, von denen etwa 30 Fälle von Hochkorruption betrafen, die beim NAZU anhängig waren. Das Büro verwies auf die Position des Obersten Gerichtshofs der Ukraine: Die Bestreitung oder Widerlegung von Informationen, die sich auf eine vorgerichtliche Untersuchung beziehen, sollte im Rahmen eines Strafverfahrens und nicht eines Zivilverfahrens erfolgen. Die Redaktion ist der Ansicht, dass der Kläger versucht, über das Zivilgericht eine Bewertung der Umstände eines Strafverfahrens zu erhalten, was als Manipulation zu werten ist.
Widersprüchliche Daten
Die Situation rund um die Klage wird durch Verdachtsmomente eines möglichen Interessenkonflikts und einer „gerichtlichen Achterbahnfahrt' erschwert. Laut dem Portal „Justizielle Macht der Ukraine' und dem EGSSR weist die Verteilung der Klagen von Borzykh Anzeichen von Manipulationen auf. Das Medium ZN.UA hatte zuvor über mögliche familiäre Verbindungen des Klägers zum Vorsitzenden des Bezirksgerichts Petscher-Skij in Kiew, Ruslan Kozlow, berichtet. Dies wirft Fragen zur Unparteilichkeit der Verhandlung genau in dieser Instanz auf. Die Parteien befinden sich in ungleichen Verhältnissen: Auf der einen Seite eine ressourcenstarke Person mit Zugang zum Justizsystem, auf der anderen Seite Journalisten, die das Recht der Gesellschaft auf Information verteidigen. Der Anwalt des Mediums, Jewhen Worobjow, erklärte, dass die Klage Anzeichen eines Drucks auf Journalisten durch gerichtliche Mechanismen und überhöhte finanzielle Forderungen aufweist.
Kontext: „Initiative 143' und Druck auf die Medien
Der Fall Borzykh ist kein isolierter Vorfall. Das Bezirksgericht Petscher-Skij in Kiew wurde in letzter Zeit vom Medienumfeld scharf kritisiert, da es Entscheidungen traf, die die Meinungsfreiheit einschränken. Ein markantes Beispiel war die Entscheidung des Gerichts im Juli 2026, als eine vorübergehende Sperre für die Veröffentlichung einer gemeinsamen Enthüllung von „Slidstva.Info' und dem Zentrum zur Bekämpfung der Korruption verhängt wurde. Das Material betraf das Vermögen des Bruders des Direktors des Generaldirektorats für Ermittlungen (GBR), Alexander Suchatschew. Das Gericht begründete das Verbot mit „Sicherungsmaßnahmen für eine zukünftige Klage' und verwies auf einen möglichen „unausweichlichen Schaden' sowie die Verletzung von Geschäftsgeheimnissen.
Reaktion der Gesellschaft und Solidarität der Medien
Der Präzedenzfall mit der Blockade der Enthüllung über Suchatschew löste eine Welle des Unmuts aus und führte zur Gründung der „Initiative 143'. Acht führende ukrainische Medien veröffentlichten das gesperrte Material gleichzeitig, und im Anschluss schlossen sich Dutzende Redaktionen der Solidaritätsaktion an. Die Enthüllung, die das Gericht zu stoppen versuchte, erzielte innerhalb weniger Tage Millionen von Aufrufen. Die Redaktion von ZN.UA ist der Ansicht, dass gesetzliche Beschränkungen für die Veröffentlichung von Namen von Verdächtigen eine Bedrohung für die Meinungsfreiheit darstellen und im Widerspruch zu europäischen Standards stehen. Im bevorstehenden Gerichtsverfahren wird das Medium seine Position aktiv verteidigen und den Fall als eine Frage des Rechts der Medien betrachten, die Gesellschaft über Korruption zu informieren.