Die Spannungen in den Beziehungen zwischen der Ukraine und Polen, die vor dem Hintergrund eines diplomatischen Skandals entstanden sind, haben ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Dies erklärte der Leiter des Präsidentenbüros der Ukraine, Kirill Budanow, während eines Gesprächs mit Studierenden der Nationalen Universität „Kiewer Mohyla-Akademie“.

Diplomatischer Konflikt oder Beginn eines Konflikts?

Laut Budanow hat sich die aktuelle Situation zwischen Kiew und Warschau noch nicht zu einem vollen Konflikt entwickelt, das Potenzial für eine Verschärfung besteht jedoch weiterhin. „Mit Polen ist dies klassische diplomatische Spannung. Es ist noch kein Konflikt. Es ist ein Widerspruch. Es ist noch nicht der Höhepunkt, glauben Sie mir. Es wird weitergehen, wie man so sagt, wenn sich nicht alle ein wenig zurückhalten“, betonte er.

Der Leiter des Präsidentenbüros bewertete die Entscheidung des polnischen Führers äußerst negativ. Die Entziehung des Ordens des Weißen Adlers von Wolodymyr Selenskyj nannte er einen „schrecklichen Fehler“. Budanow erinnerte an eine alte Regel: Mit Nachbarn muss man mindestens neutrale Beziehungen pflegen, da jede Verschärfung Probleme nach sich zieht – von politischen bis hin zu wirtschaftlichen.

„Unreife“ und historische Parallelen

Ein Schlüsselfaktor, so Budanows Meinung, war die Unreife der polnischen Seite. „Ich bewerte dies als Unreife. Vor allem als Unreife. Ich bewerte dies als Unreife der Menschen in Polen, die diese Entscheidung angestoßen und dann getroffen haben. Das ist sehr seltsam, es ist nicht durchdacht und nicht vorbereitet“, unterstrich er.

Als Argument für die Absurdität der Situation führte Budanow eine historische Parallele an: Wenn man schon den Weg der Entziehung von Orden geht, wäre es logischer, mit Figuren der Vergangenheit zu beginnen, zum Beispiel Benito Mussolini des Ordens zu entheben.

Chronologie der Ereignisse und Folgen

Die Situation spitzte sich am 19. Juni zu, als der polnische Präsident Karol Nawrocki Selenskyj der höchsten staatlichen Auszeichnung des Landes beraubte. Auslöser war die Entscheidung, einer der Einheiten der Streitkräfte der Ukraine eine Ehrenbezeichnung zu Ehren der Helden der UPA zu verleihen.

Als Antwort Kiews wurde die Auszeichnung bereits am 20. Juni über den Kurierdienst „Nova Poshta“ nach Warschau zurückgesandt. In Polen wurde dieser Schritt als zusätzliche Beleidigung wahrgenommen. Die Folgen der diplomatischen Krise zeigten sich auch auf internationaler Ebene: Wolodymyr Selenskyj verzichtete auf eine Reise zur Konferenz zum Wiederaufbau der Ukraine in Danzig, wo sich die meisten europäischen Staats- und Regierungschefs versammelten.

Statt des Präsidenten vertrat die Ukraine die Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko. Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk interpretierte das Fehlen Selenskyjs als „Geste zur Deeskalation der Spannungen“ zwischen den beiden Ländern.