Ein internationales Forschungsteam aus China, Vietnam und den USA hat im Fachjournal Science eine Arbeit veröffentlicht, in der eine statistisch signifikante negative Korrelation zwischen der staatlichen Förderung der Solarenergie in China und der Artenvielfalt der Vögel festgestellt wurde. Die Wissenschaftler analysierten mehr als 2300 Verwaltungsgliederungen des Landes für den Zeitraum von 2014 bis 2023 und kamen zu dem Schluss, dass in den Regionen, in denen mehr Ressourcen und Flächen in den Ausbau der Photovoltaik investiert wurden, weniger Vogelarten vorkamen. Laut den Autoren ging eine Erhöhung der „Stringenz“ der Förderpolitik für Solarenergie um eine Standardabweichung mit einem Rückgang des Vogelarten-Index um etwa 2,1 % einher.
Methodik: nicht nur die Fläche der Module, sondern auch die „Stringenz“ der Politik
Das Besondere an der Studie ist, dass als unabhängige Variable nicht einfach die installierte Leistung herangezogen wurde, sondern ein spezieller Index für die „Stringenz“ der staatlichen Förderpolitik der Photovoltaik. Dieser Ansatz ermöglichte es, gerade die Wirkung der Mechanismen zu bewerten, die den Bau von Solaranlagen anregen, und nicht nur die bereits errichtete Infrastruktur. Als Maß für den Zustand der Vogelgemeinschaften wurde der Shannon-Diversitätsindex verwendet, der sowohl die Artenzahl als auch die Gleichmäßigkeit der Individuenverteilung berücksichtigt. Grundlage der Vogeldaten waren Beobachtungen des nationalen Zentrums China Birdwatching Record Centre, die mit Karten der „Solarpolitik“ und der Landnutzung abgeglichen wurden.
Wirkungsmechanismus: Fragmentierung der Lebensräume
Als Hauptursache für den Rückgang der Biodiversität nennen die Autoren die Veränderung der Lebensraumstruktur. Große Solarparks erfordern die Umwandlung von Flächen, was zum Verlust von Nahrungsgebieten, zur Zerstörung von Brutplätzen und zur Fragmentierung der verbleibenden naturnahen Flächen führt. Der deutlichste Effekt wurde in wirtschaftlich entwickelten Regionen und in Gebieten mit ursprünglich komplexen Ökosystemen festgestellt, wo der Ersatz natürlicher Landschaften durch Solarinfrastruktur die stärkste Wirkung entfaltet. In trockenen Wüstengebieten mit geringer ursprünglicher biologischer Aktivität wurde hingegen kein statistisch signifikanter Schaden für die Vögel festgestellt.
Widersprüchliche Befunde
In der Arbeit selbst betonen die Autoren, dass Solarenergie nicht pauschal schädlich für die Natur ist: Die Module können Schattenzonen schaffen, das Pflanzenwachstum fördern und neue Rückzugsorte für bestimmte Insekten, Vögel und Tiere bilden. Einerseits wurde auf Ebene der gesamten Stichprobe ein klarer negativer Effekt festgestellt; andererseits hängt seine Stärke stark vom Standort der Anlagen ab, und in einigen Gebieten (Wüsten, biologisch „arme“ Regionen) wurde kein signifikanter Schaden dokumentiert. Es geht demnach nicht um einen universellen Schaden, sondern um eine räumlich ungleichmäßige Wirkung, bei der die Korrelation zwischen Förderpolitik und Rückgang der Artenvielfalt statistisch bestätigt ist, der kausale Zusammenhang jedoch gerade über die Veränderung der Landnutzung vermittelt wird.
Empfehlungen der Wissenschaftler: Planung unter Berücksichtigung der Biodiversität
Die Forscher fordern, bei der Planung neuer Solaranlagen den biologischen Wert der Standorte zu berücksichtigen, insbesondere in Gebieten entlang von Vogelzugrouten, und den Energiewechsel mit strengeren Naturschutzmechanismen zu begleiten. „Unsere Ergebnisse unterstreichen eine entscheidende ökologische Dilemma: Ohne sorgfältige räumliche Planung kann die politikgetriebene Solarerweiterung die lokale Biodiversität unbeabsichtigt gefährden“, heißt es in der Studie. „Wir sind der Auffassung, dass die künftige Entwicklung der Photovoltaik von strengen Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität begleitet werden muss, insbesondere in wirtschaftlich entwickelten Regionen mit hoher Komplexität der Lebensräume.“ Der Kontext der Studie ist bedeutsam: China hält seit Jahren die weltweite Führung beim Ausbau der Solarenergie, was die Frage nach der ökologischen Bilanz einer solchen Expansion besonders aktuell macht.