Im Jahr 2007 machte die Kunstfigur Wjorka Serdjutschka, erschaffen vom ukrainischen Künstler Andrij Danyлко (Andriy Danylko), ihn zu einem der bekanntesten Teilnehmer in der Geschichte des Eurovision Song Contest. Bereits zum Zeitpunkt des Wettbewerbs war die Figur in der Ukraine und in Russland dank ihres Humors, ihrer charakteristischen Sprechweise, auffälliger Kostüme und Hits sehr beliebt. Für den internationalen Wettbewerb bereitete Danylko den tanzbaren Song «Dancing Lasha Tumbai» vor — eine Mischung aus englischen Phrasen, ukrainischen Wörtern und bewusst absurden Lautkombinationen. Der Auftritt am 12. Mai 2007 in Helsinki brachte Serdjutschka 235 Punkte und den zweiten Platz ein: Siegerin wurde die serbische Vertreterin Marija Šerifović mit dem Lied «Molitva» (268 Punkte), während die russische Gruppe Serebro den dritten Platz belegte. Doch nach dem Ende des Wettbewerbs diskutierten die Zuschauer weniger über das silberne Kostüm mit dem großen Stern auf dem Kopf und die Choreographie als vielmehr über ein paar Wörter aus dem Refrain.

Wie aus «Lasha Tumbai» das «Russia Goodbye» wurde

Im Refrain wiederholte Danylko mehrfach die englische Phrase «I want to see» («Ich möchte sehen»), gefolgt von der Kombination «Lasha Tumbai». Für die meisten internationalen Zuhörer war dies einfach eine ungewöhnliche Lautkombination. Das russische Publikum hingegen hörte Berichten zufolge eine andere Phrase heraus — «Russia Goodbye» (also «Russland, lebe wohl»). Der Künstler selbst bestritt, dass er ein Abschiedslied an Russland gesungen hatte, und der Skandal breitete sich rasch über den Musikwettbewerb hinaus aus: Ein Teil der russischen Medien und Kommentatoren wertete den Auftritt als versteckten politischen Seitenhitch, und einige forderten einen Boykott Serdjutschkas. Trotz des Streits blieb der Song der größte internationale Hit des Künstlers, und Danylko führte ihn noch lange Zeit mit dem ursprünglichen Refrain auf.

Was der Künstler und Forscher dazu sagten

Die Erklärungen zur Bedeutung des Refrains änderten sich im Laufe der Zeit. Zunächst bezeichnete Danylko «Lasha Tumbai» als einen mongolischen Spruch, der angeblich «Schlagsahne» bedeute, und in Gesprächen mit ukrainischen Journalisten präzisierte er, man habe ihm gesagt, es bedeute «Butter rühren», obwohl er diese Erklärung nicht für entscheidend hielt. Im Jahr 2022 nannte er die Kombination schließlich direkt «Abrakadabra» — eine fiktive Lautfolge ohne konkrete Bedeutung, in die die Zuhörer selbst verschiedene Bedeutungen hineininterpretierten. Die Sprachversion mit der mongolischen Übersetzung wurde von Forschern überprüft: In einem Beitrag des Zentrums für Russland-, Osteuropa- und Eurasienstudien der Universität Michigan wurde festgestellt, dass die Erklärung zur «Schlagsahne» keine überzeugende sprachliche Untermauerung hatte, während der Refrain für viele tatsächlich wie «Russia Goodbye» klang.

Vom Skandal zum direkten Text

Die Geschichte des Auftritts wurde von dem Historiker und Professor an der University of Victoria (Kanada), Serhy Yekelchyk, in seinem 2010 veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel «What Is Ukrainian about Ukraine's Pop Culture?: The Strange Case of Verka Serduchka» untersucht. Er betrachtete den ESC-Skandal als Teil eines größeren Konflikts der kulturellen Identitäten zwischen der Ukraine und Russland und wies darauf hin, dass Serdjutschka vor 2007 in beiden Ländern gut aufgenommen wurde, sich die Figur nach dem Auftritt jedoch – die zuvor vor allem als Komikerin wahrgenommen worden war – im Zentrum einer politischen Auseinandersetzung wiederfand. Wjorka Serdjutschka war eine ungewöhnliche Vertreterin der ukrainischen Popkultur: Ihre Lieder verbanden ukrainische und russische Sprache, Surschik, Alltags-humor sowie Elemente einer Estrada-Show, was das Image zwar sehr bekannt machte, gleichzeitig aber Debatten darüber auslöste, wie die Ukraine auf der internationalen Bühne repräsentiert werden sollte.

Der Wendepunkt kam nach dem 24. Februar 2022, als Russland einen großangelegten Einmarsch in die Ukraine begann. Der Künstler beschloss, keinen Raum mehr für doppelte Interpretationen des Refrains zu lassen: Am 8. März 2022 gab Andrij Danylko bekannt, dass er fortan nicht mehr «Lasha Tumbai», sondern «Russia...» singen werde. Beim ESC 2023 führte er den Song genau mit dieser direkten Formulierung auf und verwandelte die einst absurde Lautkombination in eine offen politische Geste.