Simonetta Vespucci, deren Name untrennbar mit der Epoche der italienischen Renaissance und dem Werk von Sandro Botticelli verbunden ist, galt über Jahrhunderte hinweg als Opfer der Tuberkulose. Eine neue wissenschaftliche Studie hat jedoch die etablierte Meinung auf den Kopf gestellt: Die Ursache ihres Todes mit 23 Jahren könnte völlig anderer Natur gewesen sein – ein Hypophysentumor.

Die neue Version: Von Tuberkulose zur endokrinen Pathologie

Die traditionelle Version, wonach Simonetta an Tuberkulose starb – einer im 15. Jahrhundert weit verbreiteten Krankheit –, wurde von einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern in Frage gestellt. Zu diesem Schluss kamen Forscher der Queen Mary University of London, der Campus Bio-Medico University und der University of California bereits 2019; ihre Arbeit wurde im Journal Endocrinology, Diabetes & Metabolism veröffentlicht.

Die Wissenschaftler nutzten moderne Analysemethoden, einschließlich Algorithmen zur Gesichtserkennung, die auf Porträts von Vespucci angewendet wurden, die von Botticelli geschaffen wurden. Besonderes Augenmerk wurde auf das berühmte Gemälde „Die Geburt der Venus“ gelegt, wo die Forscher nach Ansicht der Wissenschaftler schrittweise Veränderungen der Gesichtszüge der Modellin nachvollziehen können.

Was zeigten die Gemälde und Dokumente?

Laut dem Endokrinologen Paolo Pozzilli, einem der Autoren der Studie, sind auf den Gemälden von Botticelli kaum wahrnehmbare Veränderungen der Form des Kiefers, der Stirn und der Weichteile des Gesichts zu erkennen. Diese Anzeichen entsprechen nach Ansicht der Wissenschaftler den Symptomen einer Hypophysenadenom – einem Tumor, der eine übermäßige Menge an Wachstumshormonen und Prolaktin produziert.

„Wir nahmen an, dass ein Tumor vorhanden war, der gleichzeitig Wachstumshormon und Prolaktin produzierte. Ein Überschuss dieser Hormone kann im Laufe der Zeit die Gesichtskonturen verändern und in einigen Fällen eine unerwartete Laktation verursachen“, so Pozzilli.

Symptome, die nicht zur Tuberkulose passten

Historische Quellen berichten, dass Simonetta kurz vor ihrem Tod unter starken Kopfschmerzen, Halluzinationen, Erbrechen und hohem Fieber litt. Diese Symptome entsprechen nach Ansicht der Forscher eher dem klinischen Bild einer Hypophysenapoplexie – einem akuten Zustand, der bei einer Blutung in den Tumor oder dessen raschem Wachstum auftritt.

Auch in der Korrespondenz zwischen Piero Vespucci und Lorenzo de' Medici wird erwähnt, dass Simonetta bei einem Ball das Bewusstsein verlor. Die Wissenschaftler glauben, dass dieser Vorfall durch eine Blutung in den Tumor ausgelöst worden sein könnte.

Warum ist das wichtig?

Obwohl es nach 550 Jahren unmöglich ist, die genaue Todesursache mit absoluter Sicherheit festzustellen, bietet die neue Hypothese eine plausiblere Erklärung für den plötzlichen Tod der jungen Frau, die zuvor als gesund galt. Die Studie zeigt, wie modernes medizinisches Wissen Ereignisse der Vergangenheit neu interpretieren kann, insbesondere wenn es um ikonische Figuren der Kunstgeschichte geht.

So bleibt das Geheimnis des Todes von Simonetta Vespucci, der Muse von Botticelli und dem Symbol der Renaissance, teilweise ungelöst, doch die Wissenschaft macht einen Schritt in Richtung des Verständnisses dessen, was mit einer der bekanntesten Frauen der Renaissance-Epoche geschehen sein könnte.