Wissenschaftler des Salk Institute haben einen Durchbruch beim Verständnis der Funktionsweise des menschlichen Gehirns erzielt. Die Forscher haben bewiesen, dass neuronale Wellen, die sich über den visuellen Kortex ausbreiten, kein bloßes Hintergrundrauschen sind, sondern ein komplexer Rechenmechanismus. Genau diese elektrischen Impulse ermöglichen es dem Gehirn, innere Repräsentationen der dreidimensionalen Außenwelt zu konstruieren.
Bisher ging man davon aus, dass das visuelle System nach einer strengen Hierarchie der Signalübertragung funktioniert. Die neue Studie zeigt jedoch, dass das Gehirn „wandernde Wellen“ nutzt, um raumzeitliche Berechnungen durchzuführen, die für die Vorhersage von Ereignissen und die präzise Wahrnehmung der Realität notwendig sind.
Von der Suche nach der Brille zu generativen Modellen
Das Problem der Wahrnehmung wurde bereits 2020 beschrieben, als das Team des Neurobiologen John Reynolds eine seltsame Korrelation feststellte. Die Wissenschaftler stellten fest, dass wandernde Wellen im visuellen System direkt die Fähigkeit beeinflussen, Objekte zu bemerken, die sich direkt vor den Augen befinden. Dies erklärt den Phänomen, bei dem ein Mensch lange nach einem Gegenstand sucht, der an der offensichtlichsten Stelle liegt: Wenn das Wellenmuster im Gehirn nicht mit der Position des Objekts übereinstimmt, bleibt es unbemerkt.
In der neuen Studie haben Reynolds und seine Kollegen diese Theorie erweitert. Sie stellten die Hypothese auf, dass die neuronalen Verbindungen, die diese Wellen erzeugen, ihre Struktur ständig ändern, um sich an die Außenwelt anzupassen. Die Wissenschaftler ziehen einen direkten Vergleich zur Funktionsweise großer Sprachmodelle (LLM) in der künstlichen Intelligenz.
Ähnlich wie neuronale Netze die statistische Struktur von Daten erlernen, um sinnvolle Antworten zu generieren, nutzt das Gehirn wandernde Wellen als biologisches generatives Modell. Es wird „von Grund auf“ basierend auf sensorischen Erfahrungen erstellt und ermöglicht es dem Gehirn, Bilder nicht nur zu registrieren, sondern aktiv zu interpretieren.
Vier Funktionen neuronaler Wellen
Die Studie beschreibt detailliert die Rolle dieser dynamischen Muster im visuellen Kortex. Die Wellen erfüllen vier kritisch wichtige Funktionen, die es uns ermöglichen, mit der Welt zu interagieren:
- Sie modulieren die Wahrnehmung von Moment zu Moment und verändern die Empfindlichkeit gegenüber Signalen.
- Sie verwandeln frische visuelle Daten in kohärente Bilder.
- Sie generieren kurzfristige Vorhersagen über die Umgebung und ermöglichen es, Ereignisse vorherzusehen.
- Sie speichern und reproduzieren Erinnerungsmuster im Zeitverlauf.
Im Gegensatz zu klassischen Systemen, die auf die einfache Informationsübertragung ausgerichtet sind, bewahren diese Prozesse die „Geschichte“ der Stimulation. Dies ermöglicht es dem Gehirn, Vorhersagen auf der Grundlage der Verbindung zwischen Zeit und Ort früherer Ereignisse zu treffen.
Ein globaler Mechanismus des Gehirns
Die Dynamik, die den neuronalen wandernden Wellen (nTW) ähnelt, ist ein grundlegendes Merkmal der Gehirnfunktion bei den verschiedensten Arten – von Fischen bis zum Menschen. Diese Prozesse manifestieren sich auf verschiedenen räumlichen und zeitlichen Skalen.
In verschiedenen Bereichen des Gehirns erfüllen die Wellen spezifische Aufgaben:
- In der motorischen Rinde dienen Wellen im Beta-Bereich als Prädiktor für den Zeitpunkt des Bewegungsbeginns.
- In der präfrontalen und parietalen Rinde werden ähnliche Prozesse mit den Mechanismen zur Aufrechterhaltung des Arbeitsgedächtnisses in Verbindung gebracht.
- Außerhalb des Neokortex spielen diese Wellen eine Schlüsselrolle bei der Kodierung des Gedächtnisses und der Organisation von Signalen für das Lernen mit Verstärkung.
Auf der Ebene des gesamten Gehirns ist diese Dynamik während des Schlafes am deutlichsten ausgeprägt, was den globalen Charakter der Wellenprozesse bei der Sicherstellung kognitiver Funktionen unterstreicht.
Eine neue Dimension der Neurobiologie
Experimentelle Daten bestätigen, dass neuronale wandernde Wellen den traditionellen hierarchischen Modellen der Gehirnfunktion eine „dritte Dimension“ hinzufügen – raumzeitliche Berechnungen innerhalb einzelner Bereiche. Impulse können sich kontinuierlich oder diskret durch lange horizontale Fasern ausbreiten, die Neuronen verbinden.
Diese Prozesse steuern direkt die Wahrnehmung und das Verhalten, indem sie die neuronale Erregbarkeit in Echtzeit modulieren. Die funktionale Annäherung biologischer Prozesse an die Funktionsweise von Modellen der künstlichen Intelligenz eröffnet neue Horizonte für das Verständnis, wie ein lebender Organismus eine flexible innere Repräsentation der Außenwelt schafft.