Das Turiner Grabtuch, einer der rätselhaftesten Artefakte der Geschichte, steht wieder im Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen. Diesmal versuchten die Forscher nicht, seine Echtheit zu beweisen oder zu widerlegen. Stattdessen verwandelten sie das uralte Gewebe in ein einzigartiges biologisches Archiv, das von seiner jahrhundertelangen Reise erzählt.

Ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Professorin für Forensik Noemi Procopio von der Universität Lancashire führte eine umfassende Analyse der Fasern der Reliquie durch. An der Studie, die im Journal Scientific Reports veröffentlicht wurde, beteiligten sich Experten aus den Universitäten Padua, Pavia, Turin und Perugia.

Metagenomischer Ansatz statt Standardtests

Traditionelle Methoden zur Untersuchung historischer Gewebe konzentrieren sich oft auf die Suche nach einer spezifischen Spur oder die Altersbestimmung des Materials. In diesem Fall wählten die Wissenschaftler jedoch einen metagenomischen Ansatz. Dieser ermöglichte es, nicht nur einen einzelnen biologischen Abdruck, sondern ein ganzes Ökosystem von Organismen zu identifizieren, die über Jahrhunderte hinweg ihre genetische Spur auf dem Tuch hinterlassen haben.

Die Analyse ergab, dass das Gewebe eine äußerst komplexe mikrobiologische Ökosystem enthält. Im Gegensatz zu gewöhnlichem Staub wurden auf dem Grabtuch Bakterien und Pilze nachgewiesen, die typisch für die Mikroflora menschlicher Haut sind. Dies deutet darauf hin, dass viele Menschen unterschiedlicher Herkunft mit der Reliquie in Kontakt kamen und ihre mitochondrialen DNA-Linien hinterließen.

Zusätzlich wurden in den Fasern salztolerante Mikroorganismen entdeckt, darunter salzliebende Archaeen. Ihre Anwesenheit weist auf spezifische Konservierungsbedingungen des Materials hin, möglicherweise im Zusammenhang mit einer Salzkur, sowie darauf, dass das Gewebe einer hohen Salzkonzentration ausgesetzt war.

Die globale Reise des Artefakts

Das faszinierendste Ergebnis der Studie war das Spektrum der DNA pflanzlichen und tierischen Ursprungs. Die genetische Analyse ergab Spuren, die nicht erklärt werden können, wenn man das Grabtuch als statisches Objekt betrachtet, das an einem Ort aufbewahrt wurde.

Die Wissenschaftler identifizierten DNA von Kulturpflanzen, einschließlich Weizen, Möhren sowie Mais, Bananen und Erdnüssen. Das Vorhandensein genetischen Materials von Mais und Erdnüssen – Pflanzen aus der Neuen Welt – sowie tropischer Früchte wie Bananen bestätigt, dass die Anhäufung biologischen Materials aktiv während der Spätzeit des Mittelalters und der Neuzeit fortgesetzt wurde.

Die Liste der entdeckten Organismen umfasst auch Haustiere: Rinder, Schweine, Hühner, Katzen und Hunde. Erwähnenswert ist die DNA des Mittelmeer-Rotkoralls (Corallium rubrum), was den Artefakt mit maritimen Regionen in Verbindung bringt.

Ein dynamisches Archiv statt Antwort auf die ewige Frage

Es ist wichtig, die Grenzen dieser Studie zu verstehen. Die Wissenschaftler stellen fest, dass der entdeckte genetische „Cocktail“ keine direkte Antwort auf die Frage nach dem genauen Alter des Turiner Grabtuchs oder seiner Echtheit liefert. Ein Jahrhundert intensiver Nutzung, öffentlicher Vorführungen und unvermeidlicher Verschmutzung macht es unmöglich, die „primäre“ DNA zu isolieren, die dem ersten Zeitraum der Herstellung des Gewebes angehören könnte.

Doch die forensische Genomik und Proteomik ermöglichten es, die ökologische und kulturelle „Reise“ des Artefakts nachzuvollziehen. Anstatt nur ein uraltes Gewebe zu sein, erscheint das Grabtuch als ein dynamisches biologisches Archiv. Es hat Details von Berührungen, Transportmethoden, Aufbewahrungsorten und der natürlichen Umgebung über viele Jahrhunderte hinweg festgehalten und dabei Veränderungen der Luftfeuchtigkeit, Temperatur und der Bedingungen für die Präsentation an die Gläubigen widerspiegelt.