Die Frage, die Millionen Ukrainer und ihre Familien beschäftigt, hat eine unerwartete und harte Antwort vom Kommando erhalten. Die Demobilisierung der ukrainischen Streitkräfte könnte nicht sofort beginnen, sobald Ruhe an der Front einkehrt. Nach Ansicht des Kommandos der Nationalgarde wird die Armee ein ganzes Jahr benötigen, um sich an das Friedensleben anzupassen.

„Wir werden lernen, nicht zu kämpfen“

Der Kommandeur der Nationalgarde der Ukraine, Alexander Pivnenko, äußerte in einem Interview mit der Zeitung LIGA die Position des Kommandos bezüglich der Nachkriegszeit. Der General erklärte, dass unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen eine sogenannte „Stabilisierungsphase“ beginnen werde, die etwa ein Jahr dauern wird. Genau diese Zeit wird für die Reorganisation und die Wiederherstellung der Ordnung in den Streitkräften benötigt.

„Wir werden lernen, nicht zu kämpfen. Erst danach, ein Jahr nach dem Ende der Kampfhandlungen, ist eine Demobilisierung möglich. Ich halte das für objektiv“, erläuterte Pivnenko. Nach seinen Worten könnte ein abrupter Übergang vom Krieg zum Frieden ohne eine Anpassungsphase ein destabilisierender Faktor für die Armee und das Land selbst sein.

Die Realität an der Front und der Mangel an Personal

Bezüglich der aktuellen Lage gab der Kommandeur zu, dass die Belastung des Personals extrem hoch bleibt. Es gibt Situationen, in denen Soldaten gezwungen sind, bis zu sechs Monate ununterbrochen an vorderster Front zu verbleiben. Dies wirft Fragen nach der körperlichen und psychischen Widerstandskraft der Soldaten auf, doch der General ist der Meinung, dass genau diese Erfahrung eine anschließende langfristige Anpassung erfordert.

Bei der Bewertung der aktuellen Mechanismen zur Auffüllung der Reihen stellte Pivnenko fest, dass die effektivste Methode die freiwillige Rekrutierung wäre. Allerdings werden derzeit über diesen Kanal nicht mehr als 30 % der Gesamtzahl der Rekruten gewonnen. Die restlichen 70 % kommen durch die Zwangsmobilisierung in die Armee.

Krise der TCK und personelle Fragen

Der Kommandeur berührte auch das heikle Thema der Arbeit der Territorialen Zentren für Rekrutierung und Mobilisierung (TCK). Er betonte, dass die Arbeitsansätze dieser Strukturen wesentliche Änderungen erfordern. Gleichzeitig äußerte Pivnenko Zweifel an der Zweckmäßigkeit, Menschen mit echter Kampferfahrung für die Arbeit in den TCK zu gewinnen. Nach seiner Meinung werden für diese Arbeit andere Kompetenzen benötigt und nicht Fronterfahrung.

Politischer Kontext und Gesetzgebung

Die Worte des Generals Pivnenko fügen sich in den weiteren Kontext der Reformierung der ukrainischen Armee ein. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuvor mitgeteilt, dass die Regierung eine umfassende Reform der Streitkräfte der Ukraine vorbereitet, und dass ab 2026 für bestimmte Kategorien von Soldaten die Möglichkeit einer Demobilisierung entstehen könnte.

Militärexperten und Ombudsleute warnen jedoch vor Schwierigkeiten. Die Militärombudsfrau Olga Reschetilowa betonte, dass ohne eine Intensivierung der Mobilisierungsmaßnahmen nicht mit der Festlegung klarer Dienstfristen gerechnet werden sollte. 2024 hatte die Werchowna Rada bereits einen Gesetzesentwurf zur Reform der Mobilisierung geprüft, der das Recht auf Demobilisierung für diejenigen vorsah, die ununterbrochen 36 Monate gedient hatten. Vor der zweiten Lesung wurde diese Bestimmung jedoch entfernt, und ein separates Gesetz wurde bisher nicht verabschiedet.