In den letzten Wochen wird die ukrainische Regierung von einer Serie interner Skandale erschüttert, die – so die Einschätzung von Quellen des Mediums innerhalb der regierenden Mannschaft – den Staat in einen Zustand nahe am Zusammenbruch versetzt haben. Kaum hatte der aufsehenerregende Vorfall um die ehemalige stellvertretende Leiterin des Präsidialamts, Irina Mudra, an Nachhall verloren, da griffen die Antikorruptionsbehörden zu weitreichenderen Maßnahmen: Im Rahmen der Operation „Karthago“ veröffentlichten NABU und SAP die Akten eines Falls zum „Schutzdach“ über Callcenter, der mit Mitarbeitern des Büros des Generalstaatsanwalts in Verbindung steht. Das Ergebnis war der Rücktrittsgesuch von Generalstaatsanwalt Ruslan Krawtschenko, das – wie erwartet – die Werchowna Rada nächste Woche formalisieren soll.
Operation „Karthago“ und Krawtschenkos Rücktritt
Laut RBC-Ukraine war es Krawtschenkos eigene Initiative, sich nach der Bekanntgabe der Operation „Karthago“ aktiv zu verteidigen und nicht zurückzutreten. Allerdings, so erklärte eine informierte Quelle, habe bereits ein paar Tage solcher Verteidigung „wie eine Verteidigung im Namen der gesamten Machtvertikale, die unter Beschuss gerät“, gewirkt. Genau dies habe man ihm auf dem Montagstreffen auf der Bankowa gesagt, woraufhin der Generalstaatsanwalt seinen Rücktritt erklärte. Bemerkenswert ist, dass die Leiter von NABU und SAP genau vor dem Gespräch zwischen Präsident und Generalstaatsanwalt auf der Bankowa zu Gast waren.
Politische Spuren und die „Machtvertikale“
Im Umfeld Wolodymyr Selenskyjs geht man davon aus, dass die Antikorruptionsbehörden „seit Juli des vergangenen Jahres auf Krawtschenko lauerten“, da sie ihn als einen der Ideologen des damaligen Angriffs auf NABU und SAP betrachteten. Genau jetzt „Karthago“ zu Fall zu bringen, gelang nach dieser Version deshalb, weil die Behörden den Beweiskomplex vervollständigt und ihn „präsentabel verpackt“ hatten. Ein Quelle in Selenskyjs Mannschaft betonte: Wenn der Fall sich nur auf die Staatsanwaltschaft und Krawtschenko beschränkt, wird er „ein deutliches politisches Gepräge“ tragen; wenn jedoch auch andere Sicherheitskräfte – Polizei, GBR, SBU – festgenommen werden, dann ist das Ziel tatsächlich, die gesamte Callcenter-Industrie „auszuschalten“.
Geheimdienststreitigkeiten und ein Gesetz gegen Betrüger
Zwischen den beiden großen NABU-Fällen ereignete sich ein nicht minder aufsehenerregender Vorfall – ein Konflikt zwischen SBU und HUR in den Kiewer Beresnjakach. Zwar stehen diese Ereignisse insgesamt nicht in direktem Zusammenhang, doch geben Quellen des Mediums innerhalb der Regierung zu, dass sich der Eindruck erzeuge, als sei der Staat „aus den Fugen geraten“. Parallel dazu reichte der Präsident kürzlich einen Gesetzentwurf ein, der jede Aktivität im Zusammenhang mit der Tätigkeit von Telefonbetrügern verbieten soll; von außen konnte dies wie eine eilige „Krisenmaßnahme“ aussehen, doch eine Quelle in Selenskyjs Mannschaft behauptet, es handle sich lediglich um einen Zufall.
Widersprüchliche Angaben
In den Aussagen der Beteiligten und den Einschätzungen der Quellen gibt es eine Reihe von Unstimmigkeiten. Erstens: Bezüglich des Gesetzentwurfs gegen Telefonbetrüger – ein Teil der Beobachter wertet ihn als Reaktion auf den Skandal und „Krisenmaßnahme“, während eine Quelle im Umfeld des Präsidenten darauf besteht, es handle sich um einen Zufall und das Dokument unabhängig vorbereitet worden sei. Zweitens: Die Einschätzungen zum Charakter der Operation „Karthago“ gehen auseinander – die einen sprechen von reiner Antikorruptionsarbeit, die anderen von einem „politischen Gepräge“, falls der Fall sich nur auf Krawtschenko beschränkt. Drittens: Die Versionen zur Motivation des Generalstaatsanwalts selbst stimmen nicht überein – nach der einen war seine Verteidigung eine persönliche Initiative, nach der anderen wurde sie als Verteidigung der gesamten Machtvertikale wahrgenommen, was den Anlass für die Rücktrittsforderung gab. Schließlich wird im Text erwähnt, dass NABU und SAP im vergangenen Jahr de facto den zweiten Mann des Staates, Andrij Jermak, „von seinem Posten entfernt“ haben, was die Frage nach den Grenzen ihres faktischen Einflusses im System aufwirft.
Was weiter: Die Suche nach einem neuen Generalstaatsanwalt
Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung, so mehrere Quellen innerhalb der Regierung, ist nicht einmal eine Longlist der Kandidaten für Krawtschenkos Nachfolge gebildet: Nachdem er „Karthago“ abgewickelt hatte, reiste Selenskyj zu Besuchen nach Norwegen und Kanada, und bis zu seiner Rückkehr wurde die Frage auf Eis gelegt. Der Rücktritt sorgte auch in den Reihen der Abgeordneten für Verwirrung: Die Volksvertreter fürchten, dass der neue Generalstaatsanwalt die von der SAP eingereichten Verdächtigungen „ohne hinzusehen“ unterzeichnen werde, und deshalb kursiert im Parlament die Idee, dass der Nachfolger „einer von den Ihren“ sein sollte, also aus den Reihen der Volksabgeordneten. Dabei, so betonen die Quellen, sei unklar, ob sich unter den Abgeordneten geeignete Kandidaten finden werden.