Die russische Propaganda ruht nicht in der Mythisierung neuester Waffensysteme, die sie als absolutes Allzweckwaffe darstellt. Die ballistische Rakete RS-26 „Rubesch“, die in ukrainischen Medien den Namen „Orechnik“ erhielt, wurde zum nächsten Objekt solcher Falschmeldungen. Kreml-Quellen behaupteten, die Rakete trüge geheime Wolfram-Kinetikelemente, die selbst die tiefsten unterirdischen Bunker durchdringen könnten, ohne nennenswerte Spuren an der Oberfläche zu hinterlassen. Doch die Realität erwies sich als weit weniger spektakulär, als es den Schöpfern dieser Mythen lieb wäre.
Was die Krater verbergen
Experten und Journalisten, die die Folgen des Angriffs auf Bila Zerkwa in der Nacht vom 24. Mai analysierten, kamen zu Schlussfolgerungen, die die Behauptungen über einen „Überdurchschlag“ vollständig widerlegen. Die Zerstörungen, die von den Blöcken der Mittelstreckenrakete verursacht wurden, haben nichts mit den theoretischen Modellen kinetischer Waffen gemein. Im Gegenteil: Der Charakter der Schäden und die Parameter der Krater im normalen Boden sind identisch mit denen, die zuvor in Dnipro und Lwiw bei Angriffen mit anderen Munitionstypen registriert wurden.
Beim Aufprall auf den Boden erlitten die Raketenblöcke eine massive Fragmentierung und teilweise Verdampfung. Dies machte eine genaue Identifizierung ihres Inhalts unmöglich – ob dort tatsächlich Wolframstäbe oder nur Modelle waren. Doch selbst ohne detaillierte Analyse der Kampfstoffzusammensetzung spricht das Bild der Zerstörung für sich: Es gab keine „geheime“ Technologie.
Die Mathematik des Schlages
Vorläufige Berechnungen der Aufprallenergie zeigen, dass jeder Block des „Orechnik“ eine kinetische Energie im Bereich von 220 bis 400 Megajoule besaß. Zum Vergleich: Ein solcher Treffer entspricht in Bezug auf den TNT-Äquivalent einem chemischen Explosionsstoß von 52 bis 95 kg Sprengstoff. Das ist mächtig, aber nicht einzigartig.
Der Hauptunterschied zwischen einem kinetischen und einem sprengstoffbasierten Treffer liegt im Charakter der Zerstörung. Bei einer Explosion einer Sprengstoffkammer entstehen primäre und sekundäre Splitter, die großflächige Schäden verursachen. Ein kinetischer Treffer hingegen hinterlässt auch bei hoher Energie lokalisierte Schäden ohne charakteristische Splitterfelder. Genau dies wurde in Bila Zerkwa beobachtet.
Die reale Bedrohung
Das Endergebnis der Experten ist eindeutig: Der „Orechnik“ stellt keine prinzipiell neue Entwicklung in Bezug auf Kampfwirksamkeit dar. Seine Schlagkraft, unter Berücksichtigung der 36 Blöcke in einer Rakete, ist bedingt äquivalent zu einem Angriff von 36 Kamikaze-Drohnen vom Typ „Schahed“ mit verstärkten Kampfstoffen. Dies ist eine ernsthafte Bedrohung, die die Aufmerksamkeit der Luftabwehrsysteme erfordert, aber bei weitem nicht das „Waffe des Jüngsten Tages“, das die russische Propaganda zu präsentieren versucht.
Der Angriff auf Kiew und Bila Zerkwa in der Nacht vom 24. Mai war Teil einer großangelegten kombinierten Operation des Gegners, die Drohnen und Raketen verschiedener Plattformen umfasste. Die Analyse der Folgen zeigte jedoch, dass hinter den lautstarken Namen und Behauptungen eines „Durchbruchs“ oft gewöhnliche, wenn auch gefährliche, Kampfausrüstung verborgen ist.