Das St. Petersburg Economic Forum (SPIEF) wird in diesem Jahr ein Zeuge eines wichtigen Wandels in den Beziehungen zwischen Russland und Deutschland. Nach mehreren Jahren erzwungener Pause und Vorsicht, ausgelöst durch den Krieg in der Ukraine, werden deutsche Unternehmer erstmals wieder offiziell an der Veranstaltung teilnehmen. Diese Entscheidung symbolisiert den Versuch, Kommunikationskanäle aufrechtzuerhalten und die Bereitschaft für ein mögliches zukünftiges Waffenstillstandsabkommen.
Unternehmen suchen neue Horizonte
Der Vorstandsvorsitzende der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer, Matthias Shepp, hat offen die Notwendigkeit eines Dialogs betont. Aus seiner Sicht sollte der Westen Russland, seinen enormen Markt und seine Rohstoffressourcen nicht endgültig aufgeben, indem er sich ausschließlich auf Asien ausrichtet. Kontakte sind, so Shepp, zumindest für den Fall eines möglichen Endes der Kampfhandlungen lebenswichtig.
Das Programm des Forums umfasst Besuche führender Persönlichkeiten des deutschen Geschäftslebens. Zu ihnen gehört der Unternehmer Stefan Dürr, dessen Unternehmen EkoNiva erfolgreich das Milchgeschäft auf dem Territorium Russlands entwickelt. Die Delegation wird zudem von Thomas Bruch angeführt, dem langjährigen Leiter des großen Handelskonzerns Globus Holding. Ihre Anwesenheit zeigt, dass trotz politischer Spannungen wirtschaftliche Interessen weiterhin nach Berührungspunkten suchen.
Der Kontrast zur Vergangenheit wirkt dramatisch. Vor Beginn der umfassenden Invasion in der Ukraine war Deutschland der größte Handelspartner Russlands in Europa. Die Einführung strenger westlicher Sanktionen führte jedoch zu einem steilen Rückgang des bilateralen Handelsvolumens: Im vergangenen Jahr sanken sie unter die Marke von 10 Milliarden Euro.
Politische Herausforderung: Die AfD-Delegation
Besondere Resonanz löste die Einladung von Vertretern der Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) auf das Forum aus. Nach Sankt Petersburg wird eine Gruppe von Politikern reisen, zu der unter anderem Peter Bystroň, Markus Fronmayer und Steffen Kotre gehören. Die Führung dieser Delegation wird Jörg Urban, der Vorsitzende der sächsischen Landespartei, übernehmen.
Jörg Urban ist für seine harte Linie bekannt: Er spricht sich gegen die militärische Unterstützung der Ukraine aus und kritisiert die Anti-Russland-Sanktionen. Im November 2025 besuchte er bereits Russland für einen Besuch beim Symposium „BRICS – Europa“, was sogar innerhalb seiner eigenen Partei heftige Kritik auslöste. Damals drohte der Vorsitzende der AfD, ihn wegen Verstoßes gegen die interne Disziplin aus den Reihen der rechten Populisten auszuschließen.
Trotzdem erklärte Urban vor der neuen Reise zum SPIEF, dass „Sachsen Russland als Garant für Frieden und Wohlstand in Europa braucht“. Anfang Juni soll der Politiker an einer Diskussion über „kulturelle Diplomatie und Soft Power“ teilnehmen. Sein Erscheinen auf dem Forum wird nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein politisches Signal sein, dass es in Deutschland einflussreiche Kräfte gibt, die eine Normalisierung der Beziehungen zu Moskau anstreben.