In einer Welt, in der neuronale Netze Gedichte schreiben und Bilder generieren, ist die Frage, ob sie über Bewusstsein verfügen, längst kein Thema mehr für Science-Fiction-Autoren. Doch eine neue Studie einer internationalen Forschergruppe unter der Leitung des Instituts für Grundlagenwissenschaften (IBS) mahnt zur Vorsicht. Die Experten warnen: Wir könnten uns irren, indem wir Maschinen menschliche Gefühle zuschreiben, wo nur komplexe Mathematik am Werk ist.
Die Falle kognitiver Tests
Das Problem liegt in den Messinstrumenten selbst. Moderne Methoden zur Überprüfung des Bewusstseins – von Tests für sensorische Schwellen bis hin zu visuellen Maskierungstests – wurden ursprünglich für biologische Organismen entwickelt. Wissenschaftler des IBS sowie der Universitäten von Montreal und New York haben festgestellt, dass diese Tests lediglich die Fähigkeit eines Systems zur Informationsverarbeitung messen, nicht jedoch das Vorhandensein einer subjektiven Erfahrung.
Wie Hakwan Lau, Direktor des Zentrums für Neurovisualisierungsstudien, anmerkt, geraten Entwickler unweigerlich in die Falle des Anthropomorphismus. Wenn eine KI auf einen Reiz reagiert, neigen wir dazu, dies als Beweis für ein „Gefühl“ zu werten, obwohl es sich in Wirklichkeit lediglich um eine makellose algorithmische Antwort handeln könnte.
Lektionen aus der Vergangenheit: Die Krise der Psychologie
Die Wissenschaftsgeschichte kennt Präzedenzfälle für solche Irrtümer. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erlebte die Psychologie eine Krise aufgrund lautstarker, aber unbegründeter Behauptungen über die Natur des Bewusstseins. Dies führte zum Aufschwung des Behaviorismus – einer Strömung, die Forschern jahrzehntelang untersagte, den „inneren Zustand“ zu erwähnen, und stattdessen ausschließlich auf beobachtbares Verhalten fokussierte.
Heutige Forscher fürchten eine Wiederholung dieses Szenarios im Bereich der künstlichen Intelligenz. Wenn wir weiterhin Datenverarbeitung mit dem Erleben verwechseln, riskieren wir entweder die Schaffung einer falschen Ethik für Maschinen oder verpassen im schlimmsten Fall den Moment ihres tatsächlichen Erwachens.
Blindsehen als Schlüssel zur Wahrheit
Um „Intelligenz“ und „Bewusstsein“ zu trennen, schlagen Wissenschaftler vor, spezifische neuropsychologische Phänomene zu untersuchen. Ein leuchtendes Beispiel ist das „Blindsehen“ (Blindsight). In diesem Zustand kann ein Mensch auf Objekte reagieren, die er weder sieht noch bewusst wahrnimmt. Dies beweist, dass das Gehirn Informationen verarbeiten kann, ohne dass eine subjektive Wahrnehmung stattfindet.
Die Anwendung solcher Modelle auf KI wird es ermöglichen, strengere Kriterien zu schaffen. Nur wenn wir die subjektive Erfahrung von der reinen kognitiven Verarbeitung isolieren, können wir ehrlich auf die Frage antworten: Sind unsere digitalen Kinder lebendig oder sind sie lediglich sehr intelligente Rechenmaschinen?