Der ukrainische Treibstoffmarkt erlebt eine Ära großer Veränderungen. Mit dem Verschwinden des größten Akteurs – der Gruppe „Privat“ – begann das Machtvakuum sofort, von neuen Kräften gefüllt zu werden. Staat und private Unternehmer führen eine aktive Umverteilung von Vermögenswerten durch, verändern die vertrauten Logos an den Säulen und transformieren die Essenz der Tankstellen selbst.

Der Staat steuert auf ein Monopol zu

Führend in diesem neuen Wettlauf ist „Ukranfta“. Nach der Verstaatlichung der Vermögenswerte und dem Verlust der Kontrolle durch Igor Kolomoisky ging die Firma vollständig unter staatliche Kontrolle. Die Strategie ist einfach und effektiv: groß angelegte Übernahmen. In den Jahren 2024–2026 wurden die Netzwerke Glusco und Shell sowie eine Fusion mit U.Go von „Ukrgasdobycha“ unter den Schutzschirm von „Ukranfta“ gebracht. Insgesamt näherte sich das Portfolio des Unternehmens 700 Stationen an.

Zum Vergleich: Vor Beginn der umfassenden Invasion besaß die Gruppe „Privat“ etwa 1500 Tankstellen. Nach dem Verlust ihrer eigenen Rohstoffe und des Raffineriekomplexes in Krementschug brach das Imperium von Kolomoisky zusammen. Die Netzwerke ANP und „Avias“ stellten Anfang 2025 ihren Betrieb ein, was viele Inhaber von Treibstoffmarken mit leeren Taschen zurückließ. Experten nennen als Hauptursache den Zusammenbruch der Logistik und die Unfähigkeit, den Import schnell umzustellen.

Der Aufstieg von UPG und das Überleben der Giganten

Wer wurde zum Hauptbegünstigten fremder Unglücke? Ohne Zweifel die Firma UPG von Wladimir Petrenko. In weniger als einem Jahr wuchs das Netzwerk sechsfach, indem es mehr als 570 Objekte ehemaliger „Privat“-Tankstellen übernahm. Heute zählt UPG über 650 Stationen in 21 Regionen und führt aktiv Rebranding durch sowie die Einführung neuer Service-Standards.

Dennoch geben die alten Spieler nicht auf. Das Netzwerk OKKO von Vitalij Antonow behauptet sich im Premiumsegment und diversifiziert sein Geschäft von Agrarholdingen bis zu Skigebieten. WOG, die den Tod eines Mitbegründers und korporative Kriege überstanden hat, wechselte die Eigentümer, bleibt aber an der Spitze. Auch „BRSM-Nafta“, AMIC und Parallel fühlen sich auf dem Markt sicher.

Borschtsch statt Benzin: Die neue Ökonomie der Tankstellen

Die moderne Tankstelle ist längst nicht mehr nur eine Säule mit Benzin. Der Preisunterschied zwischen Premium-Netzwerken und Discountern in der Ukraine ist enorm. Während „Ukranfta“ zum Preisreferenzpunkt wurde und Treibstoff mit minimaler Aufschlag verkauft, halten Discounter wie „BRSM-Nafta“ und Marchal niedrige Preise aufrecht, manchmal durch fragwürdige Steueroptimierung oder Qualitätseinschränkungen.

Da der Gewinn aus dem Verkauf eines Liter Benzin nur 3–5 Griwna beträgt, sucht das Unternehmen nach neuen Einnahmequellen. Jetzt konkurrieren Tankstellen mit Küchen. UPG startet eigene Burger-Restaurants, WOG entwickelt eine Kaffeekultur, und an einigen Stationen kann man Borschtsch von Klopotenko probieren oder Granatapfelwein kaufen. Unter Bedingungen vollständiger Abhängigkeit vom Import und weltweiten Ölpreisen werden Service und Essen zu jenem „Anker“, der den Kunden bindet.