Die meisten Fahrer betrachten Regen als geringes Unbehagen, nicht als echten Risikofaktor. Dabei kommt gerade bei Niederschlägen ein erheblicher Teil der Verkehrsunfälle zustande – und zwar aus Gründen, die dem durchschnittlichen Autofahrer alles andere als offensichtlich sind. Nasser Asphalt ist nicht einfach „etwas rutschig'. Je nach Niederschlagsintensität, Zustand der Fahrbahn und technischen Eigenschaften des Fahrzeugs kann die Straße zu einer Oberfläche mit einem Haftwert werden, der dem von Eis entspricht. Und das alles ohne jegliche Warnung seitens der Straßeninfrastruktur.

„Flüssige Seife': die unsichtbare Schicht auf leicht feuchtem Asphalt

Der erste und wohl listigste Faktor ist die sogenannte „unsichtbare, aber extrem rutschige Schicht' auf leicht benetztem Asphalt. Auto-Experte Jewgeni Mudschiiri, Gründer des Projekts Autogeek, vergleicht sie mit echter „flüssiger Seife'. Solange der Starkregen nicht den angesammelten Schmutz, das Öl und den Staub von der Straße gespült hat, kann der Bremsweg des Fahrzeugs sogar länger sein als bei starkem Hochwasser. Das Paradoxe ist, dass genau in diesem Moment – wenn der Regen gerade begonnen hat oder nur feiner Nieselregen fällt – der Fahrer dazu neigt, sich zu entspannen und zu denken, „der Regen ist nicht stark, man kann normal weiterfahren'. In Wirklichkeit ist der Haftwert in dieser Phase am geringsten.

Andererseits ändert sich die Situation bei anhaltendem Regen: Der ausgewaschene Asphalt erhält einen Haftwert, der dem trockenen Zustand sehr nahekommt. Hier entsteht jedoch eine andere Gefahr – das Aquaplaning, das wir weiter unten betrachten. Auf derselben Straße kann der Grad des „Rutschens' zu verschiedenen Zeiten des Regens also grundätzlich unterschiedlich sein, und es ist für einen verantwortungsvollen Fahrer wichtig, nicht nur zu verstehen, dass er auf nasser Fahrbahn fährt, sondern den konkreten Zustand des Asphalts in diesem Moment zu beurteilen.

Aquaplaning: Wenn das Auto „aufschwimmt' und die Kontrolle verliert

Aquaplaning ist ein tödlich gefährlicher Effekt, der bei Regen nicht so sehr von der Natur als vielmehr vom Fahrer selbst erzeugt wird. Das Prinzip ist einfach: Bei der Fahrt auf nassem Asphalt sammelt jedes Rad vor sich einen Wasserkeil. Im Normalbetrieb wird das Wasser über die Rillen des Reifenprofils aus dem Kontaktbereich mit der Fahrbahn nach außen abgeleitet. Bewegt sich das Fahrzeug jedoch zu schnell, kann das Wasser nicht schnell genug abgeleitet werden, das Rad drückt den Wasserschicht nicht durch und schwimmt schließlich auf – es verliert den Kontakt zum Asphalt. Zusammen mit dem Kontakt verschwindet auch die Lenkbarkeit.

Es ist entscheidend zu verstehen: Im Aquaplaning-Modus hilft Bremsen nicht mehr. Das Fahrzeug verschiebt sich zur Seite und gerät in den Graben, bevor die gebremsten Räder das Wasser durchdrücken und den Kontakt zur Fahrbahn wiederherstellen können. Den Moment des Aquaplanings vorherzusagen ist äußerst schwierig – es tritt ohne Warnung auf. Die genaue Geschwindigkeit, bei der ein bestimmtes Fahrzeug in diesen Modus übergeht, lässt sich nicht benennen: Die Faktoren variieren von Modell und Reifenzustand bis hin zur Rillenbildung der Straße und der Wassermenge auf der Fahrbahn.

Jewgeni Mudschiiri betont die mechanische Natur des Schutzes gegen Aquaplaning: „Die Verhinderung von Aquaplaning ist eine rein mechanische Arbeit der Profiltiefen, die Literweise Wasser pro Sekunde ableiten müssen'. Der Experte weist auf einen wichtigen Aspekt hin: Wenn das Gesetz eine minimale Profiltiefe von 1,6 mm erlaubt, so liegt das kritische Minimum für sicheres Fahren bei Regen in der Praxis bei mindestens 3–4 mm. „Glatte' Reifen verlieren bereits bei 60–70 km/h den Kontakt zur Fahrbahn und verwandeln das Auto in unkontrollierbare Bobbahnschlitten. Die Schlussfolgerung für den Fahrer ist eindeutig: Die gewohnte „Sommer'-Geschwindigkeit und das Herbstwetter sind unvereinbar.

„Habe es nicht gesehen': das Problem der Sicht und des Innenraumklimas

Ein Großteil der Unfälle bei regnerischem Wetter hat einen banalen Grund: Der Fahrer hat ein Hindernis auf der Straße nicht gesehen. Und genau das ist so listig, weil die Sicht in einem funktionierenden modernen Auto bei Regen in der Regel noch akzeptabel bleibt – bis zu dem Moment des plötzlichen Verschlechterns. Die Fenster beschlagen, die Wischerblätter hinterlassen eine feine Wasserschicht, die im Licht der Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge blendet, und die Windschutzscheibe bedeckt sich mit einer ungleichmäßig entfernten Feuchtigkeit.

„Die meisten Unfälle bei Regen geschehen nicht wegen technischer Defekte, sondern wegen des banalen ‚Habe es nicht gesehen'', erinnert Mudschiiri. Der Experte rät, vor der Fahrt bei schlechtem Wetter sicherzustellen, dass der Innenraum aufgeheizt ist, und herauszufinden, wie in dem konkreten Auto die schnelle Beheizung der Windschutzscheibe und die maximale Wischergeschwindigkeit eingeschaltet werden. „Ja, die Sicht bei Regen wird in erster Linie vom Innenraumklima beeinflusst', so seine Anmerkung. Ein grundlegender, aber oft ignoriertes Rat: Auch bei kühlem Wetter unbedingt die Klimaanlage oder die Klimaregelung einschalten, da sie die Luft im Innenraum sofort trocknet und das Beschlagen verhindert. Abgenutzte Wischerblätter sind ein weiterer versteckter Risikofaktor: Sie hinterlassen eine dünne Wasserschicht auf dem Glas, die bei Nacht- oder Dämmerungsfahrt das Licht der Scheinwerfer entgegenkommender Autos in einen blendenden Glanz verwandelt.

Praktische Empfehlungen für den Fahrer bei regnerischem Wetter

Die Zusammenfassung der Expertenempfehlungen reduziert sich auf einige konkrete Maßnahmen. Erstens: Die Geschwindigkeit auf ein Niveau senken, bei dem die volle Kontrolle über das Fahrzeug erhalten bleibt – insbesondere zu Beginn des Regens, wenn der Asphalt aufgrund der „flüssigen Seife' am rutschigsten ist. Zweitens: Den Zustand der Reifen regelmäßig prüfen: Eine Profiltiefe von weniger als 3–4 mm ist ein Grund für eine sofortige Erneuerung, nicht dafür, „noch bis zum Frühling weiterzufahren'. Drittens: Vor der Fahrt bei schlechtem Wetter die Funktionsfähigkeit der Wischer prüfen, den Innenraum aufheizen und die Klimaregelung gegen das Beschlagen einschalten. Viertens: Den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug vergrößern und abrupte Manöver vermeiden, da die Reaktion des Fahrzeugs auf Lenkrad und Bremsen bei nasser Fahrbahn weniger vorhersehbar wird. Und schließlich: Daran denken, dass Aquaplaning kein „Warnsignal' hat – der einzige Schutz dagegen ist eine angemessene Geschwindigkeit und funktionierende Reifen.