Vorfall im größten Kernkraftwerk Europas

Am Samstag, dem 30. Mai, wurde im Telegram-Kanal des von russischen Kräften kontrollierten Kernkraftwerks Saporischschja bekannt gegeben, dass erstmals ein Aufprall einer Drohne der ukrainischen Streitkräfte (AFU) auf die Wand des Maschinenraums des Energieblocks Nr. 6 registriert wurde. Dieses Ereignis markiert eine neue Eskalationsstufe in der angespannten Lage rund um das größte Kernkraftwerk Europas.

Laut Angaben der russischen Behörden kam es infolge des Angriffs zu einer Explosion, bei der ein Loch in der Gebäudewand entstand, jedoch keine kritischen Zerstörungen festzustellen waren. Die Hauptanlagen blieben intakt, alle Systeme funktionieren im Normalbetrieb und der Strahlungshintergrund liegt innerhalb der Norm. In der Mitteilung wird hervorgehoben, dass es keine Verletzten gab und Fachkräfte bereits eine Untersuchung des Tatorts durchführen.

„Atomerpressung' und fehlende Beweise

Der Generaldirektor von Rosatom, Alexei Lichatschow, erklärte, dass die Drohne vermutlich über eine Glasfaserleitung gesteuert wurde. Er betonte die Schwere des Vorfalls und stellte fest, dass dies der erste gezielte Angriff auf die Hauptanlagen eines Kernkraftwerks mit einem durchschlagenden Sprengsatz im Maschinenraum sei. Lichatschow warnte davor, dass solche Handlungen die Sicherheit von Menschen weit über die Grenzen Russlands und der Ukraine hinaus beeinträchtigen könnten.

Die Verteidigungskräfte Südukraines wiesen die Vorwürfe Moskaus jedoch kategorisch zurück. In einer Mitteilung auf Facebook erklärten sie, dass sie keine Angriffe auf nukleare Objekte durchführen und ausschließlich im Rahmen des internationalen humanitären Rechts handeln. Kiew warf der russischen Seite „Atomerpressung' und Informationsprovokationen vor, die darauf abzielen, die Ukraine zu diskreditieren.

In den ukrainischen Streitkräften wurde betont, dass Russland keine Foto- oder Videobeweise für den Angriff vorgelegt hat. Zudem wiesen sie auf technische Unstimmigkeiten hin: Das Kernkraftwerk Saporischschja liegt 50 km von der Frontlinie entfernt, und die Ukraine verfügt über keine Glasfaserdrohnen mit einer solchen Reichweite und einer Sprengladung von 5–6 kg, die notwendig wäre, um ein Loch in die Wand zu sprengen. „Die von Russland vorgetragene Version hält keiner faktischen Überprüfung stand', fassten die ukrainischen Militärs zusammen.

Reaktion der IAEA und Probleme mit der Stromversorgung

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) reagierte auf die Berichte über den Drohnenangriff. Nach Erhalt von Informationen durch das Leitungsorgan der Anlage forderte die IAEA-Gruppe im Kernkraftwerk Saporischschja Zugang zur direkten Inspektion des Maschinenraums. Diese Entscheidung dient der unabhängigen Überprüfung der Situation und der Bewertung möglicher Folgen.

Am Vortag des Vorfalls hatte die IAEA mitgeteilt, dass das Kernkraftwerk Saporischschja zum 16. Mal seit Beginn des Krieges vorübergehend von der externen Stromversorgung abgeschnitten wurde. Während des einstündigen Ausfalls kamen Notdieselgeneratoren zum Einsatz, die die wichtigsten Sicherheitssysteme mit Strom versorgten. Später wurde die Anlage wieder an die einzige verbliebene Hochspannungsleitung angeschlossen.

Das größte Kernkraftwerk Europas, dessen sechs Reaktoren seit 2022 stillgelegt sind, aber weiterhin gekühlt werden müssen, ist auf eine Reserveleitung zur Stromversorgung angewiesen. Die Lage bleibt angespannt, und die internationale Gemeinschaft verfolgt die Entwicklung der Ereignisse weiterhin aufmerksam.