In der Ukraine vollzieht sich ein deutlicher Wandel in der religiösen Selbstidentifikation: Immer mehr Bürger lehnen eine strikte Bindung an eine bestimmte Konfession ab. Laut einer aktuellen soziologischen Studie definieren sich ein Viertel der Ukrainer (26 %) einfach als „orthodox“, ohne sich zwischen der Orthodoxen Kirche der Ukraine (OKU) oder der Ukrainischen Orthodoxen Kirche (UOK MP) entscheiden zu müssen.
Diese Daten wurden vom Leiter der soziologischen Gruppe „Rating“, Alexei Antipowitsch, im Rahmen der Präsentation der Studie „Bewertung der religiösen Situation: Oblast Odessa“ vorgestellt, berichtet RBC-Ukraine. Die Umfrage wurde im Zeitraum vom 4. bis 12. Mai 2026 durchgeführt.
Geografie des Glaubens: Süden und Oblast Odessa
Besonders deutlich zeigt sich die Tendenz, konfessionelle Etiketten abzulegen, in den südlichen Regionen des Landes. Während landesweit 26 % der Befragten die neutrale Formulierung „einfach orthodox“ wählten, liegt dieser Wert im Süden bei 34 %. In der Oblast Odessa sind es 32 %.
Gleichzeitig bleibt der Anteil der Anhänger konkreter Kirchen niedriger:
- Die Orthodoxe Kirche der Ukraine (OKU) nennen 22 % der Bürger des Landes als ihre eigene. Im Süden sinkt dieser Wert auf 16 %, in der Oblast Odessa liegt er bei 17 %.
- Die Ukrainische Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats (UOK MP) wird von 10 % der Befragten landesweit unterstützt. Im Süden und in der Oblast Odessa liegt dieser Prozentsatz etwas höher – bei 11 %.
Eine erhebliche Diskrepanz zeigt sich auch bei der Unterstützung der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche (UGKK). Während im Landesdurchschnitt 7 % der Bürger ihre Anhänger sind, ist dieser Wert im Süden minimal – nur 2 %. Protestantische Konfessionen werden in der Oblast Odessa von 3 % der Bewohner unterstützt.
Anstieg des Atheismus unter der Jugend
Die Studie hat auch einen Anstieg des Anteils der Menschen registriert, die keine Religion bekennen. Landessweit sehen sich 11 % der Befragten als Gläubige und Atheisten. Im Süden steigt diese Zahl auf 14 %, in der Oblast Odessa auf 16 %.
Die radikalsten Veränderungen finden in der Jugend statt. Unter den Ukrainern im Alter von 18 bis 29 Jahren erreicht der Anteil der Atheisten einen Rekordwert von 30 %. Darüber hinaus sehen sich 16 % der Bürger landesweit (und 15 % in der Oblast Odessa) als gläubig, ordnen sich aber keiner bestimmten Konfession zu.
Tradition versus Wahl
Soziologen haben die Motive analysiert, die Ukrainer dazu veranlassen, eine bestimmte Konfession zu wählen. Der wichtigste Faktor für die Mehrheit bleibt die Familientradition und die Erziehung. So antworteten 46 % der Befragten landesweit und 50 % der Bewohner der Oblast Odessa.
Die bewusste persönliche Wahl im Erwachsenenalter wurde für 37 % der Befragten sowohl in der Oblast Odessa als auch landesweit zum bestimmenden Faktor. Kulturelle und nationale Identität motivieren 28 % der Ukrainer und 25 % der Bewohner der südlichen Regionen. Dabei wurde das persönliche geistige Bedürfnis als Hauptfaktor der Wahl nur von 10 % der Bewohner der Oblast Odessa genannt.
Feste und öffentliche Meinung
Religiöse Präferenzen beeinflussen den Kalender der Feiertage direkt. Mehr als die Hälfte der Bürger der Ukraine feiert Weihnachten am 25. Dezember. Nur 18 % feiern weiterhin am 7. Januar, obwohl jeder fünfte Ukrainer beide Daten feiert.
Fragen der Religionspolitik bleiben akut: Mehr als die Hälfte der Ukrainer unterstützt die Idee eines Verbots der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.