Die Welt steht vor einem historischen Wendepunkt: Die Ära der schrittweisen Reduzierung der Atomwaffenarsenale, die seit dem Ende des Kalten Krieges anhielt, neigt sich dem Ende zu. Laut dem jährlichen Bericht des Stockholmer Internationalen Instituts für Friedensforschung (SIPRI), der am 8. Juni veröffentlicht wurde, könnte die Anzahl der Atomwaffen in der Welt erstmals seit Jahrzehnten wieder zunehmen.
Neun Atomwaffenstaaten – die USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel – haben im Jahr 2025 ihre aktiven Modernisierungsprogramme fortgesetzt. Anstatt Waffen aus dem Dienst zu stellen, haben die meisten Länder neue nukleare oder nuklearfähige Systeme in Betrieb genommen.
Zahlen des globalen Risikos
Stand Januar 2025 gab es weltweit etwa 12.187 Atomwaffen. Davon befanden sich rund 9.745 Einheiten in Arsenalen, die für einen möglichen Einsatz bereitstanden. Die Situation wirkt beunruhigend: Etwa 4.012 Sprengköpfe sind auf Raketen und Flugzeugen stationiert, und zwischen 2.100 und 2.200 befinden sich in einem Zustand hoher Einsatzbereitschaft auf ballistischen Raketen. Fast dieser gesamte „heiße“ Vorrat gehört Russland und den USA.
Früher überstiegen die Raten der Vernichtung alter Sprengköpfe die Raten der Herstellung neuer, was zu einer allgemeinen Verringerung der Arsenale führte. Allerdings, so die Daten des SIPRI, hat sich dieser Trend umgekehrt: Der Abbau verlangsamt sich, während die Stationierung neuer Waffen beschleunigt wird.
Krise der Kontrolle und neue Bedrohungen
„Es gibt immer mehr Belege dafür, dass Atomwaffenstaaten ihre Abrüstungsverpflichtungen in den Hintergrund drängen und sogar ablehnen“, erklärte Hans M. Kristensen, leitender Wissenschaftler des SIPRI-Programms für Massenvernichtungswaffen. Experten warnen, dass Staaten, die auf nukleare Lösungen verweisen, die Dynamik des Wettrüstens anheizen.
SIPRI-Direktor Karim Haggag wies auf die wachsenden Gefahren hin, die durch technologischen Fortschritt und den Zusammenbruch des Rüstungskontrollsystems verursacht werden. Insbesondere wird die Logik der nuklearen Abschreckung angesichts der Verschärfung der geopolitischen Spannungen und bewaffneter Konflikte zwischen Atomwaffenstaaten wie Indien und Pakistan in Frage gestellt.
Situation in Russland: Modernisierung und Tests
Russland und die USA kontrollieren zusammen etwa 83 % aller akkumulierten Atomwaffen. Obwohl die Größe ihrer Vorräte im Jahr 2025 relativ stabil blieb, versprechen umfangreiche Modernisierungsprogramme eine Vergrößerung der Arsenale in der Zukunft.
Der Prozess der Waffenmodernisierung in Russland ist nicht frei von Schwierigkeiten. Im Jahr 2025 endete ein weiterer Test der interkontinentalen ballistischen Rakete „Sarmat“ mit einem Misserfolg. Auf das Modernisierungsprogramm wirkten sich auch die westlichen Sanktionen und die Kosten im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine aus. Dennoch bestand die Marschflugkörper mit nuklearem Antrieb „Burevestnik“ nach mehreren Misserfolgen einen erfolgreichen Reichweitentest von über 14.000 Kilometern.
Ein wichtiges Ereignis war der Beginn des Baus einer vorderen Operationsbasis für die Mittelstreckenrakete mit Doppelverwendungszweck „Oreshnik“ in Belarus. Im Mai 2026 wurde diese Rakete mit konventionellen Kampfköpfen gegen die Ukraine eingesetzt. Experten stellen jedoch fest, dass der von den USA bereits 2020 prognostizierte signifikante Anstieg der nicht-strategischen Atomwaffen Russlands bisher nicht eingetreten ist.
Aus Sicht der Zukunft wird der russische Arsenal vor allem durch die Platzierung einer größeren Anzahl von Sprengköpfen pro Rakete wachsen. Weitere Unsicherheit bringt das Auslaufen des Vertrags über die Reduzierung strategischer Offensive Waffen (New START) im Februar 2026 mit sich.
Amerikanische Antwort und „Goldener Kuppel“
Auch die USA sehen sich Herausforderungen gegenüber. Das Modernisierungsprogramm des amerikanischen Atomwappenschilds leidet unter Finanzierungs- und Planungsproblemen, was Verzögerungen und Kostensteigerungen der Projekte droht. Eine zusätzliche Belastung für das Budget wird die Absicht darstellen, neue nicht-strategische Atomwaffen in den Arsenal aufzunehmen.
Besondere Aufmerksamkeit der Experten erregten die Pläne der Trump-Administration zur Schaffung eines Raketenabwehrsystems namens „Goldener Kuppel“. Die Kosten für das Projekt werden auf 1,2 Billionen Dollar geschätzt. Experten sind der Ansicht, dass ein Wachstum des amerikanischen Arsenals in der Zukunft durch die Stationierung einer größeren Anzahl von Sprengköpfen auf bestehenden Anlagen, die Reaktivierung leerstehender Startrampen und die Hinzufügung neuer nicht-strategischer Waffen möglich ist – unter anderem als Reaktion auf Stationierungen in China.