Die Europäische Union ist vom passiven Beobachten zu aktiven Maßnahmen im Kampf gegen den russischen Schattenflotten übergegangen. Im Mittelmeer beginnen physische Inspektionen von Schiffen, die des Verstoßes gegen Sanktionsregime verdächtigt werden. Diese Entscheidung markiert einen Wendepunkt in der Strategie zur Bekämpfung des Exports russischen Erdöls.

Über den Übergang zu einem neuen Niveau im Kampf gegen den Schattenflotten kündigte Kaja Kallas, die Chefin der EU-Diplomatie, am 8. Juni an. Die Erklärung erfolgte vor Beginn des zweiten Tages des Treffens der Verteidigungsminister in Nikosia. Nun haben die Seestreitkräfte der EU-Mitgliedstaaten das Recht, Bord von Schiffen zu besteigen, wenn begründete Zweifel an ihrer Identität oder Verstöße gegen internationale Normen bestehen.

Operation IRINI: Von dem Embargo in Libyen bis zu Sanktionen gegen Russland

Der Mechanismus für diese Maßnahmen existierte bereits. Die Operation IRINI wurde 2020 unter der Schirmherrschaft der UNO gegründet. Ursprünglich war die Mission auf die Überwachung des Waffenembargos in Libyen ausgerichtet. Doch im Jahr 2025 wurden die Befugnisse der Mission erheblich erweitert: Zu den Aufgaben kam die Überwachung von Schiffen hinzu, die internationale Sanktionen umgehen könnten, insbesondere durch den Transport russischen Erdöls.

Trotz der Erweiterung der Befugnisse kam es erst 2026 zu tatsächlichen physischen Durchsuchungen. Bis zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich die Mission hauptsächlich auf visuelle Beobachtungen, Funkprüfungen und Inspektionen, die ausschließlich mit Zustimmung der Kapitäne durchgeführt wurden.

Der erste Präzedenzfall: Die Festnahme des Tankers MV Oneiroi

Die Geschichte begann am 1. Juni, als eine Inspektionsgruppe erstmals an Bord des sanktionierten Tankers MV Oneiroi ging. Der Vorfall ereignete sich in internationalen Gewässern des Mittelmeers. Grund für die Prüfung waren Verdächtigungen, dass das Schiff eine falsche Flagge führt und am Transport russischen Erdöls beteiligt ist. Der Tanker steht sowohl unter EU- als auch unter ukrainischen Sanktionen.

Dieser Schritt stieß in Kiew auf Zustimmung. Der Berater des Präsidenten der Ukraine, Wladyslaw Wlasjuk, kommentierte die Situation und merkte an, dass die Ukraine seit langem entschlossenere Maßnahmen seitens Brüssels erwartet. Nach seinen Worten wird die Aktivitäten des russischen Schattenflotten seit 2023 dokumentiert, und die Verschärfung praktischer Maßnahmen ist ein notwendiger Schritt.

Das Problem der nördlichen Routen und die Aktionen der Verbündeten

Trotz der Erfolge im Mittelmeer bleibt die Frage des Transports russischen Erdöls über nördliche Seewege offen. Wlasjuk wies darauf hin, dass Russland aktiv die Route vom Finnischen Meerbusen und der Ostsee durch die dänischen Meerengen bis zur Nordsee für den Erdölexport nutzt, trotz der Bemühungen einzelner Länder.

Parallel zu den Aktionen der EU verstärken auch andere Länder den Druck. Schweden hat seit Jahresbeginn vier Schiffe festgenommen, von denen eines möglicherweise an die Ukraine übergeben wird. Gleichzeitig nahmen die französischen Seestreitkräfte am 1. Juni den sanktionierten Öltanker „Tagor“ im Atlantik an Bord. Das Schiff war aus Russland abgefahren und stand unter internationalen Sanktionen.

An diesem Tag trafen Einheiten der Drohnensysteme der ukrainischen Streitkräfte den sanktionierten Frachter „Leonid Pestrikov“ im Hafen der besetzten Stadt Berdjansk. Das Schiff wurde für den Transport von Gütern aus den besetzten ukrainischen Häfen genutzt, was den mehrdimensionalen Charakter des Kampfes gegen die Logistik des russischen Exports bestätigt.