Die Europäische Union erwägt eine vorübergehende Aussetzung der Erhöhung des Preisdeckels für russisches Öl. Diese Entscheidung wird durch den Anstieg der Weltmarktpreise vor dem Hintergrund der Verschärfung der Lage im Nahen Osten begründet. Wie das Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf Quellen berichtet, plant Brüssel nicht, eine automatische Erhöhung des Limits unter den aktuellen Bedingungen zuzulassen.

Dynamischer Mechanismus und aktuelle Preise

Im Jahr 2025 hat die EU einen dynamischen Mechanismus genehmigt, der eine automatische Überprüfung des Preisdeckels alle sechs Monate vorsieht. Die Berechnungsformel setzt das Limit auf 15 % unter dem Marktdurchschnittspreis der russischen Ölsorte Urals. Derzeit ist die Grenze bei 44,1 Dollar (37,82 Euro) pro Barrel festgelegt.

Gemäß den Regeln ist es europäischen Unternehmen untersagt, Versicherungs- und Transportdienstleistungen für Rohstoffe bereitzustellen, die zu einem Preis über dem festgelegten Schwellenwert verkauft werden. Die geplante Überprüfung, die für Ende des Sommers anberaumt war, hätte zu einer Erhöhung des Limits auf mindestens 65 Dollar pro Barrel führen sollen. Dieser Wert liegt deutlich über dem zuvor von den G7-Staaten vereinbarten Niveau von 60 Dollar.

Handlungsoptionen für Brüssel

Die EU-Behörden diskutieren mehrere Szenarien, um einen plötzlichen Preissprung zu vermeiden. Zu den diskutierten Optionen gehören:

  • Beibehaltung des aktuellen Preisdeckels auf dem Niveau von 44,1 Dollar pro Barrel.
  • Aussetzung des dynamischen Mechanismus der automatischen Erhöhung bis Ende des Jahres.
  • Begrenzung eines jeden Preisanstiegs auf eine Obergrenze von 60 Dollar pro Barrel.

Es wird erwartet, dass die Entscheidung zu diesem Thema Teil des 21. Sanktionspakets der EU sein wird, das derzeit überarbeitet wird und Anfang Juni vorgestellt werden soll.

Ausweitung der Beschränkungen und die „Schattenflotte“

Das neue Sanktionspaket sieht nicht nur eine Anpassung der Ölpreise vor, sondern auch eine Verschärfung des Drucks auf die Infrastruktur zur Umgehung von Beschränkungen. Insbesondere werden Beschränkungen für Banken, Ölhändler, Raffinerien und Krypto-Betreiber in Drittländern eingeführt, die Moskau dabei helfen, Sanktionen zu umgehen.

Zusätzlich werden Schiffe der „Schattenflotte“ ins Visier genommen. Sanktionen werden gegen etwa 20 von Russland genutzte Tanker verhängt. In Zukunft soll das Beschränkungsregime auch auf Schiffe ausgeweitet werden, die verflüssigtes Erdgas (LNG) transportieren. Dies soll die Möglichkeiten des Kremls erheblich einschränken, eine alternative Logistik für den Export von Energieträgern zu schaffen.

Marktkontext und Geopolitik

Die Entscheidung der EU fällt vor dem Hintergrund der Volatilität an den Rohstoffmärkten. Der Preis des Futures für die europäische Ölsorte Brent mit Lieferung im Juli stieg um 3,3 % und erreichte 99,33 Dollar pro Barrel. Futures für das amerikanische Öl WTI handelten auf einem Niveau von 92,79 Dollar.

Der Preisanstieg erfolgt trotz des seit dem 8. April geltenden Waffenstillstands zwischen den USA und dem Iran. Die Lage bleibt angespannt: Donald Trump hat vor neuen Angriffen gewarnt, falls die Verhandlungen mit Teheran scheitern. In der Nacht zum 26. Mai griffen US-Truppen Ziele im Süden des Irans an, darunter Raketenstandorte und Schiffe, die versuchten, Minen zu legen. Das US-Zentralbefehlshaber bezeichnete diese Aktionen als Selbstverteidigung, während der Iranische Revolutionsgarden (IRGC) mit Gegenmaßnahmen drohte.