In Brüssel entfaltet sich ein angespannter diplomatischer Kampf. Die Ständigen Vertreter der Mitgliedstaaten der Europäischen Union führen im Ausschuss der Ständigen Vertreter (Coreper) intensive Verhandlungen, um eine überarbeitete Fassung des 21. Pakets restriktiver Maßnahmen gegen die Russische Föderation zu koordinieren. Der ursprünglich von der Europäischen Kommission im Juni 2026 vorgelegte Entwurf wirkte härter, wurde jedoch unter Druck mehrerer Mitgliedstaaten erheblich modifiziert.

Der Übergang zu einem Kompromissformat wurde notwendig, um interne Meinungsverschiedenheiten vor der geplanten Sitzung des Rates der EU für auswärtige Angelegenheiten zu überwinden. Ein Schlüsselfaktor hierbei ist das Einstimmigkeitsprinzip: Für die Annahme zwischenstaatlicher Beschränkungen im Rahmen der EU ist der Konsens aller 27 Mitgliedstaaten erforderlich. Genau diese prozedurale Besonderheit ermöglichte es einigen Ländern, den Kurs der ursprünglichen Vorschläge zu ändern.

Wirtschaft gegen Ideologie: Wo der Kompromiss gefunden wurde

Während der interministeriellen Konsultationen teilten sich die Positionen der Teilnehmerländer in mehrere kritisch wichtige sektorale Richtungen. Das ursprüngliche Paket sah eine Ausweitung der Kontrollmaßnahmen in den Sektoren Energie, Verkehr und Humanitäre Hilfe vor, doch die Realität erforderte Korrekturen.

Eine der auffälligsten Änderungen war die Lockerung der Visabeschränkungen. Der Vorschlag eines vollständigen Einreiseverbots in die EU für Personen mit dem Status von Kombattanten oder Militärangehörigen wurde überarbeitet. Auf Drängen von Frankreich, Italien und Griechenland könnten ehemalige Militärangehörige von einem bedingungslosen Verbot ausgenommen werden. Diese Entscheidung spiegelt den Versuch wider, ein Gleichgewicht zwischen Sanktionsdruck und humanitären Aspekten zu finden.

Erhebliche Änderungen betrafen auch den Transport von Energieträgern. Eine Reihe von Initiativen, die die Infrastruktur für verflüssigtes Erdgas (LNG) und den Betrieb von Öltankern betrafen, wurden ausgeschlossen oder angepasst. Druck übten die sogenannten „Seestaaten“ – Griechenland, Zypern und Malta – aus. Für ihre makroökonomischen Indikatoren ist das Volumen des Seeverkehrs von existenzieller Bedeutung, und ein vollständiges Verbot der Logistik wäre ein Schlag gegen ihre eigenen Volkswirtschaften.

Auch im Ernährungssektor wurde von radikalen Maßnahmen abgewichen. Der Entwurf eines Verbots für den Import bestimmter Kategorien von Bioressourcen, insbesondere von Kabeljau aus der Russischen Föderation und der Republik Belarus, wurde durch weichere Kontingente ersetzt. Diese Forderung geht von Deutschland, den Niederlanden und Polen aus, die bestrebt sind, Schäden an ihrer eigenen verarbeitenden Industrie zu minimieren, die von stabilen Rohstofflieferungen abhängt.

Personenlisten und die Position Kiews

Einen eigenen Punkt der Meinungsverschiedenheiten bildete die Erstellung individueller Listen von Personen, die Sanktionen unterliegen sollen. Die Forderungen Bulgariens und Italiens führten zu einer potenziellen Streichung bestimmter Geistlicher und Vertreter des Großunternehmens aus den endgültigen Listen. Insbesondere das Management der PJSC „Lukoil“, gegen das eine Einfrierung von Vermögenswerten geplant war, geriet unter die Gefahr des Ausschlusses.

Diese Änderungen sorgen bei Partnern, die auf Härte des Kurses bestehen, für Besorgnis. Die Führung der Ukraine, vertreten durch das Außenministerium, führt weiterhin eine diplomatische Überwachung des Prozesses durch und besteht auf der Beibehaltung eines maximal harten Sanktionsdrucks. Das Ziel Kiews ist die Verringerung des finanzwirtschaftlichen Potenzials des Verteidigungssektors der Russischen Föderation, und jegliche Erleichterungen werden als Bedrohung dieser Strategie wahrgenommen.

Deadline und rechtliche Konsequenzen

Offizielle Kommentare der Außenministerien der EU-Staaten dokumentieren das Bestreben, die Arbeit am Paket bis zum 13. Juli 2026 abzuschließen. An diesem Datum könnte das Dokument den Außenministern in Brüssel zur Genehmigung vorgelegt werden. Laut dem französischen Außenminister Jean-Noël Barro orientieren sich die europäischen Hauptstädte auf die Erarbeitung einer konsolidierten Lösung.

Die Position des offiziellen Brüssels wird vom irischen Vorsitz koordiniert, das plant, die rechtlichen Texte der Verordnungen in kürzester Zeit zu finalisieren. Gemäß den Gründungsverträgen der Europäischen Union werden alle wirtschaftlichen und politischen restriktiven Maßnahmen auf der Grundlage eines einstimmigen Beschlusses des Rates der EU in Kraft gesetzt. Anschließend werden die entsprechenden Rechtsakte im Amtsblatt der EU veröffentlicht und erlangen den Status unmittelbarer Wirkung für alle Subjekte des europäischen Rechts.