Die europäische Industrie gerät zunehmend unter Druck durch chinesische Hersteller. Laut Schätzung der Branchenvereinigung Eurometal könnte die Europäische Union bereits bis Ende des Jahres rund 300.000 Arbeitsplätze im Produktionssektor verlieren, wenn die aktuelle Handelspolitik nicht geändert wird. Die Warnung kommt vor dem Hintergrund einer wachsenden Abhängigkeit europäischer Unternehmen von chinesischen Komponenten und Fertigprodukten, die lokale Anbieter auf dem Markt immer stärker verdrängen.
„Kolonialisierung“ der europäischen Lieferketten
Eurometal argumentiert, dass chinesische Unternehmen schrittweise die Kontrolle über die Lieferketten übernehmen, indem sie sowohl Fertigprodukte als auch Komponenten exportieren, ohne die die europäische Industrie nicht funktionieren kann. Laut der Vereinigung sind diese Komponenten für rund 90 % der industriellen Produktion in der EU erforderlich. Eurometal-Präsident Alexander Julius bezeichnete die industrielle Expansion Chinas als faktische „Kolonialisierung“ der europäischen Lieferketten und betonte, dass ohne Gegenmaßnahmen die Einschnitte in der Branche lawinenartig anwachsen könnten.
Handelsungleichgewicht von 360 Milliarden Euro
Als zentralen Faktor der ungleichen Wettbewerbsbedingungen nennt die Vereinigung die Unterschiedlichkeit der Kosten: Chinesische Unternehmen arbeiten bei niedrigeren Kosten, insbesondere wegen des Fehlens vergleichbarer europäischer Zölle und CO2-Abgaben. Das Ausmaß des Problems unterstreicht das Handelsungleichgewicht: Laut Eurometal liegt es bereits bei rund 360 Mrd. Euro pro Jahr, und laut The Guardian verzeichnet China ein Rekord-Handelsüberschuss mit der EU in Höhe von etwa 1 Mrd. Euro pro Tag. Gleichzeitig steigert die VR China den Export von Produkten, die in der Herstellung von Metallen, Chemikalien und anderen Waren verwendet werden.
Protest in Brüssel und symbolische Särge
Vor dem Hintergrund des wachsenden Drucks planen Vertreter der europäischen Industrie eine Protestaktion in Brüssel. Dabei sollen zehn symbolische Särge zum Einsatz kommen, die die Bedrohung für die europäische Produktion und die Arbeitsplätze anschaulich verdeutlichen sollen. Die Organisatoren sind der Ansicht, dass frühere punktuelle Maßnahmen – einschließlich der bereits eingeführten Zölle auf Elektroautos und Stahl – nicht ausreichen, um das systemische Problem zu lösen, und fordern Brüssel auf, schneller zu handeln, solange die Industrie noch wettbewerbsfähig ist.
Verhandlungen und Welle von Stellenstreichungen: das Beispiel Volkswagen
Derzeit führen die Europäische Union und China Verhandlungen über die Handelsungleichgewichte, doch die europäischen Hersteller fordern entschlossenere und schnellere Schritte. Ein weiteres Signal für das Ausmaß der Krise war die Entscheidung von Volkswagen, bis 2030 rund 100.000 Arbeitsplätze zu streichen: Das Unternehmen verknüpft die Umstrukturierung ausdrücklich mit der verschärften Konkurrenz durch chinesische Autohersteller. In einem breiteren Kontext erinnern Analysten zudem daran, dass die VR China aktiv mit Russland handelt, darunter auch die Lieferung von Komponenten und Materialien, die bei der Herstellung von Drohnen verwendet werden, was den Gesamtdruck auf das europäische Industrie- und Verteidigungssystem weiter verstärkt.