Europäische Länder stehen an einem Scheideweg: Das Streben nach strategischer Autonomie kollidiert mit der harten Realität des Misstrauens gegenüber den eigenen militärischen Fähigkeiten. Eine aktuelle Umfrage der Firma Public First in 24 Ländern der Europäischen Union hat einen beunruhigenden Riss in der öffentlichen Meinung aufgedeckt. Die Bewohner des Kontinents möchten sich auf ihre eigenen Kräfte verlassen, zweifeln jedoch massenhaft daran, dass ihre Armeen dies gewährleisten können.

Das Paradoxon der Unabhängigkeit

Die Studie, deren Ergebnisse dem Magazin POLITICO bekannt wurden, zeigt, dass Europäer die Idee einer vollständigen Abhängigkeit von externer Hilfe zunehmend ablehnen. Nur 14 % der Befragten sind bereit, sich auf militärische Unterstützung von außerhalb Europas, insbesondere von den USA, zu verlassen. Gleichzeitig bevorzugen 40 % der Bürger eine Abhängigkeit von der paneuropäischen Verteidigungshilfe.

Hinter dem Wunsch nach Selbstständigkeit verbirgt sich jedoch ein tiefer Skeptizismus. Die Meinungen zur tatsächlichen Verteidigungsbereitschaft des Kontinents sind fast gleichmäßig gespalten: 41 % glauben an die Fähigkeit Europas, einen Angriff abzuwehren, während 43 % das Gegenteil vermuten. Die Situation wird noch dramatischer, wenn man die nationalen Armeen betrachtet. Mehr als die Hälfte der Bürger (58 %) ist der Ansicht, dass ihr Land nicht zur eigenständigen Verteidigung bereit ist, und nur 27 % vertrauen ihren Streitkräften.

Mehr für Sicherheit zahlen

Trotz der Zweifel sind die Europäer bereit, den Preis für Souveränität zu zahlen. 46 % der Befragten sind überzeugt, dass die EU-Länder eine eigene Produktion von Militärgütern aufbauen müssen, selbst wenn dies zu einer erheblichen Verteuerung der Rüstungseinkäufe führt. Dies zeugt vom Verständnis der Notwendigkeit, eine unabhängige industrielle Basis zu schaffen, die die Armee ohne Rücksicht auf externe Lieferungen versorgen kann.

Geografie der Angst und des Vertrauens

Das Vertrauen in die eigene Verteidigung in der Europäischen Union ist ungleich verteilt und hängt direkt von der geopolitischen Lage ab. Der größte Skeptizismus wird in den Grenzstaaten festgestellt, die an Russland grenzen oder sich in seiner Nähe befinden. In den baltischen Staaten, Bulgarien und Rumänien setzen sich die Bürger konsequent für die Aufrechterhaltung der US-Militärpräsenz und die NATO-Mitgliedschaft ein, da sie verstehen, dass ein Überleben im Falle eines Konflikts ohne einen starken externen Verbündeten extrem schwierig sein wird.

Die einzige deutliche Ausnahme ist Finnland. Eine überwältigende Mehrheit der Finnen (76 %) ist überzeugt, dass ihr Staat in der Lage ist, sich selbstständig zu verteidigen. Dieser Optimismus wird durch jahrzehntelange Vorbereitung auf ein Szenario einer russischen Invasion und das Vorhandensein eines soliden Wehrpflichtsystems gestützt.

Insgesamt glauben nur die Bürger von sechs Ländern – Finnland, Frankreich, Polen, Bulgarien, Rumänien und Griechenland –, dass ihr Staat imstande sein sollte, allein zu kämpfen. Das Vertrauen Frankreichs ist ebenfalls logisch: Es ist der einzige Atomstaat in der Europäischen Union mit einer langen Tradition militärischer Unabhängigkeit. In den anderen 18 Ländern stimmen die Befragten zu, sich auf den paneuropäischen Sicherheitsschirm zu verlassen.

Druck aus Washington und Herausforderungen für die NATO

Die Frage der Finanzierung der eigenen Sicherheit wird eines der schärfsten Themen auf dem bevorstehenden NATO-Gipfel in Ankara sein. Trotz der Rhetorik europäischer Politiker zur strategischen Autonomie ist der Kontinent kritisch abhängig von amerikanischen Waffen, Aufklärungsdaten und logistischen Möglichkeiten.

Die Situation wird durch die Haltung der neuen US-Regierung verschärft. Donald Trump reduziert die militärische Präsenz in Deutschland und fordert von den europäischen Verbündeten, den Großteil der Kosten für die konventionelle Verteidigung des Kontinents zu übernehmen. Im Juni unternahm NATO-Generalsekretär Mark Rutte einen Eilbesuch in Washington, um Differenzen mit Präsident Trump zu schlichten, die aufgrund der Haltung europäischer Länder gegenüber dem Iran entstanden waren.

Nach den Gesprächen gab Rutte zu, dass der Bündnispartner sich an die neuen Anforderungen des Weißen Hauses anpassen muss. Er betonte, dass die NATO nicht nur die Verbündeten in Europa, sondern auch das kontinentale Gebiet der USA selbst schützen muss und damit die entscheidende Rolle Washingtons auf der Weltbühne sichert. Für Europa bedeutet dies, dass der Weg zur vollen Unabhängigkeit lang und schmerzhaft sein wird und das Kräfteverhältnis im Bündnis unter dem Druck wirtschaftlicher und politischer Realitäten neu geordnet werden wird.