Der europäische Kontinent beschleunigt den Aufbau eigener Recheninfrastruktur für künstliche Intelligenz. Das von Brüssel finanzierte Gemeinschaftsunternehmen EuroHPC hat den Auftrag zur Erstellung des Supercomputers LUMI-AI in Höhe von rund 450 Millionen Dollar bekanntgegeben. Der Vertrag ist der größte in der Geschichte des französischen Unternehmens Bull, das vor einigen Monaten von Paris dem verlustreichen Konsortium Atos für bis zu 404 Millionen Euro abgekauft wurde. Damit hat der französische Staat die gerade erst erworbenen Vermögenswerte faktisch in ein strategisches Projekt zur Verringerung des technologischen Rückstands gegenüber den USA und China umgelenkt.

Finanzierungsarchitektur und Geografie des Projekts

Die Finanzierung von LUMI-AI ist gleichmäßig aufgeteilt: Die Hälfte der Mittel stellt das Gemeinschaftsunternehmen EuroHPC bereit, die andere Hälfte das Konsortium LUMI AI Factory, dem sechs europäische Staaten angehören. Das neue System wird im finnischen Supercomputing-Zentrum installiert, unmittelbar neben dem bereits laufenden Supercomputer LUMI, was die Schaffung eines einheitlichen Hochleistungsclusters ermöglichen soll. Die Inbetriebnahme für den industriellen Betrieb ist auf die zweite Hälfte des Jahres 2027 angesetzt. LUMI-AI ist für das großmaßstäbliche Training und die Inferenz (Ableitung) von KI-Modellen sowie für komplexe multidisziplinäre wissenschaftliche Simulationen vorgesehen – von der Klimamodellierung bis zur Entwicklung neuer Materialien.

Kontext: Wie Bull zum Instrument der staatlichen KI-Strategie wurde

Der Vertrag über LUMI-AI erhält vor dem Hintergrund der jüngsten Unternehmensumstrukturierungen in Frankreich besondere Bedeutung. Noch wenige Monate vor der Unterzeichnung des Abkommens hatte Paris den Erwerb der Geschäftseinheit Bull vom Konsortium Atos abgeschlossen, das mit Verlusten arbeitete. Der Transaktionswert belief sich auf bis zu 404 Millionen Euro. Tatsächlich hat der Staat Bull zu einem „venture-ähnlichen' Vermögenswert für die Umsetzung einer souveränen KI-Agenda gemacht: Das Unternehmen erhält den größten Vertrag seiner Geschichte, Frankreich eine technologische Basis, die unabhängig von amerikanischen und chinesischen Lieferanten ist. Experten merken an, dass ein solches Modell des „staatlichen Erwerbs – staatlichen Auftrags' unter den Bedingungen geopolitischer Konkurrenz zum typischen Szenario für europäische Technologieunternehmen wird.

Das EuroHPC-Netz: 19 Zentren, 12 Supercomputer und Erweiterungspläne

LUMI-AI ist kein isoliertes Projekt, sondern das neueste Element eines umfangreichen Netzes, das EuroHPC seit 2021 aufbaut. Das Gesamtbudget der Initiative für den Zeitraum 2021–2027 beträgt 8,2 Milliarden Euro. Bis heute hat die Organisation bereits ein Netz aus 19 Zentren sogenannter „KI-Fabriken' aufgebaut, die auf 12 Supercomputern, darunter den deutschen Jupiter, basieren. Derzeit bereitet EuroHPC die Auswahl von bis zu sieben neuen Standorten vor, was den Willen belegt, die Rechenleistung des Kontinents bis zum Ende des Jahrzehnts zu verdoppeln. Auf Jupiter hat der größte europäische Cloud-Anbieter OVHcloud das anfängliche Training seines Basismodells für KI abgeschlossen, und das italienische Startup Domyn, das das Konsortium EUROPA anführt, erhielt Zugang zu den EuroHPC-Systemen, um ein eigenes Modell mit 400 Milliarden Parametern zu trainieren.

Europäische KI-Spieler: OVHcloud und Domyn im Rennen um die Führung

Beide Unternehmen – OVHcloud und Domyn – geben keine detaillierten technischen Spezifikationen ihrer Modelle bekannt, doch ihr strategisches Ziel ist transparent: europäische Leader im Bereich fortschrittlicher künstlicher Intelligenz zu werden. Für OVHcloud, das bereits mit der Jupiter-Infrastruktur arbeitet, wird der Zugang zu LUMI-AI Möglichkeiten zur Skalierung der Inferenz und des Fine-Tunings von Modellen für Unternehmenskunden eröffnen. Für Domyn mit seinem 400-Milliarden-Modell bedeutet der Vertrag mit EuroHPC den Zugang zu Rechenressourcen, die mit den größten amerikanischen Laboren vergleichbar sind, was für die Wettbewerbsfähigkeit im Segment der Foundation Models entscheidend ist.

Widersprüchliche Daten

Bei der Kreuzprüfung der Quellen wurde eine Abweichung in der Formulierung der Vertragskosten festgestellt. Die ukrainische Ausgabe RBC.UA (Quelle 1) und der Haupttext der Meldung geben den Wert von LUMI-AI mit „rund 450 Millionen Dollar' an. Gleichzeitig nennt das Wirtschaftsblatt Delo.UA (Quelle 2) die Summe von „390 Millionen Euro'. Wahrscheinlich handelt es sich um denselben Vertrag, ausgedrückt in verschiedenen Währungen: Bei einem Euro-Dollar-Kurs im Bereich von 1,15–1,16 entsprechen 390 Mio. Euro etwa 450 Mio. Dollar. Das Fehlen einer einheitlichen kanonischen Quelle (eines offiziellen Pressetexts von EuroHPC oder Bull) mit einer exakten Zahl in einer Währung erzeugt jedoch eine Unsicherheit, die die Redaktion als Vorbehalt festhält. Bis zu einer offiziellen Bestätigung werden beide Zahlen als alternative Formulierungen desselben Finanzierungsvolumens angegeben.