Die Europäische Union ist in eine Phase aktiver Bemühungen um finanzielle Souveränität eingetreten, um die kritische Abhängigkeit von US-Zahlungssystemen zu minimieren. Laut Bloomberg betrachtet Brüssel die Dominanz von Visa und Mastercard nicht nur als eine kommerzielle Frage, sondern als eine Bedrohung der wirtschaftlichen Sicherheit. Statistiken zeigen, dass etwa 77 % aller digitalen Zahlungen in Europa über US-Plattformen abgewickelt werden, was den Kontinent anfällig für externen Druck macht.
Risiken der Monopolstellung und Sanktionswaffen
Die Hauptmotivation für den Aufbau einer eigenen Infrastruktur ist die Erfahrung, dass Zahlungssysteme als Instrument geopolitischer Einflussnahme genutzt werden. Europäische Regulatoren verweisen offen auf Präzedenzfälle, in denen Washington ganze Länder – wie Russland und den Iran – im Rahmen von Sanktionsregimen von dem globalen Finanznetzwerk von Visa und Mastercard ausschloss.
In Brüssel besteht die Befürchtung, dass im Falle einer Eskalation transatlantischer Konflikte oder des Beginns von Handelskriegen die USA denselben Mechanismus gegen Europa selbst anwenden könnten. Die Statistiken zur Abhängigkeit wirken beunruhigend: Im Vereinigten Königreich liegt der Anteil der US-Systeme bei 98 %, und in der Eurozone laufen zwei Drittel der Kartentransaktionen über diese Systeme. Dabei verfügen 13 EU-Mitgliedstaaten nach wie vor über keine eigenen nationalen Kartensysteme, was sie vollständig von Entscheidungen abhängig macht, die in den USA getroffen werden.
Ersatzstrategie: Wero und Digitaler Euro
Einen vollständigen Verzicht auf die US-Riesen in naher Zukunft halten Experten für unwahrscheinlich, doch die EU baut planmäßig eine unabhängige, redundante Infrastruktur auf. Die Strategie basiert auf zwei Schlüsselprojekten, die den technologischen Souveränismus gewährleisten sollen.
Das erste Element ist die europäische Geldbörse Wero, die im Rahmen der European Payments Initiative (EPI) entwickelt wird. Das Projekt wird von den größten Banken des Kontinents unterstützt und zielt darauf ab, fragmentierte lokale Dienste in ein einziges Netzwerk zu integrieren. Wero integriert beliebte Systeme wie Bizum in Spanien, Bancomat in Italien und Payconiq und schafft so eine nahtlose Umgebung für grenzüberschreitende Sofortüberweisungen. Prognosen zufolge wird die Basis der aktiven Nutzer dieser Struktur bis 2026 zwischen 50 und 130 Millionen Menschen betragen.
Der zweite, grundlegendere Schritt ist die Einführung des Digitalen Euros. Dieses Projekt, initiiert von der Europäischen Zentralbank (EZB), soll eine staatliche digitale Alternative zu privaten Karten werden. Das Europäische Parlament und die EZB befinden sich in der Endphase der Schaffung der notwendigen Rechtsgrundlage für die vollständige Integration und den Einzelhandelsgebrauch der neuen Währung.
Ausblick auf die Transformation
Behörden in Brüssel geben zu, dass die jahrzehntelange Infrastruktur der US-Konzerne nicht über Nacht verdrängt werden kann. Die aktuelle Strategie zielt jedoch darauf ab, eine zuverlässige Reserve zu schaffen, die es ermöglicht, die europäische Wirtschaft vor externen Druckhebeln zu schützen. Die Entwicklung von Wero und des Digitalen Euros wird zum Belastungstest für die finanzielle Unabhängigkeit des Alten Kontinents.