Satellitenbilder dokumentieren einen massiven Umzug russischer Luftabwehrsysteme. Ein erheblicher Teil der Flugabwehrkomplexe, die jahrzehntelang strategische Objekte im äußersten Norden schützten, verschwindet von ihren Positionen. Stattdessen tauchen sie in Regionen auf, in denen Angriffe ukrainischer Drohnen häufiger geworden sind. Dieser Prozess zeugt von einer grundlegenden Überprüfung der russischen Militärdoktrin als Reaktion auf die neuen Realitäten des Krieges.
Die Arktis wird leer
Laut dem Sender „Radio Swoboda“ hat der Kreml S-300- und S-400-Systeme von mehreren Schlüsselobjekten in der arktischen Region abgezogen. Etwa 60 % der russischen Flugabwehrkomplexe dieser Typen wurden von ihren Standorten verlegt, die sie bis zum Beginn der Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 besetzt hatten. Das Verschwinden der Technik wurde auf Satellitenfotos festgehalten, die leerstehende, speziell errichtete Plattformen zeigen.
Besonders deutlich ist die Umstrukturierung im Bereich der Luftwaffenbasis „Rogatschewo“ auf dem Archipel Nowaja Semlja, wo ein Großteil der Luftabwehrmittel von der Raketenbasis abgezogen wurde. Eine ähnliche Situation ist in Sewerodwinsk am Weißen Meer zu beobachten – einer Stadt, in der Werften für den Bau und die Reparatur von Atom-U-Booten stationiert sind. Hier blieben mehrere Objekte, die jahrzehntelang geschützt wurden, nun ohne Deckung. Satelliten haben das Verschwinden von etwa zwei Dutzend S-300- und S-400-Systemen in der gesamten Stadt registriert.
Die Prioritäten ändern sich: Von der Arktis zu den Raffinerien
Die Luftabwehrsysteme, die arktische Positionen räumen, verschwinden nicht spurlos. Sie werden näher an wahrscheinliche Ziele für Angriffe ukrainischer Drohnen verlegt. Ein markantes Beispiel ist die Oblast Saratow im Südwesten Russlands. Satellitenbilder zeigen, wie auf einem zuvor leeren Feld in der Nähe des Saratower Erdölraffinerie-Komplexes (NPT) Mehrfachraketenwerfer aufgetaucht sind. Seit Anfang 2025 war dieses Objekt wiederholt Ziel von Angriffen.
Die Luftabwehreinheiten haben ihre Positionen im Wesentlichen nur noch um russische nukleare Raketenstartschächte und Flugplätze strategischer Bomber beibehalten. Dies deutet darauf hin, dass Moskau Ressourcen umverteilt und Objekte, die aus Sicht der aktuellen Bedrohung weniger prioritär sind, ohne Schutz lässt.
Expertenbewertung: wachsendes Ungleichgewicht
Katarzyna Zysk, Professorin am norwegischen Institut für Verteidigungsforschung, stellt fest, dass die beobachteten Veränderungen ein „wachsendes Missverhältnis zwischen den Zielen, die Russland schützen muss, und den verfügbaren Startfahrzeugen, Abfangjägern und geschultem Personal“ schaffen.
Laut der Expertin bedeutet dies nicht, dass strategische Objekte im Norden völlig schutzlos zurückgelassen wurden. Es deutet jedoch darauf hin, dass Russland keinen großangelegten Angriff in der Region erwartet und annimmt, dass es die Dichte der Verteidigung dort ohne besonderes Risiko verringern kann. Zysk weist auch darauf hin, dass der Konflikt die Verwundbarkeit stationärer Ziele gegenüber Drohnen gezeigt hat, und die Zukunft könnte einen Übergang zu einem „dezentraleren, mehrstufigen Modell“ des Schutzes bringen.
Reichweite der Schläge: das Urteil der Distanz
Grund für die Umstrukturierung der Verteidigung war die bewiesene Effektivität ukrainischer Drohnen über enorme Distanzen. Wie The Telegraph schreibt, haben ukrainische Drohnen erfolgreich 2400 Kilometer russischen Territoriums überwunden, um die Erdölraffinerie in Omsk in Sibirien zu treffen. Dieses Ereignis wurde im Wesentlichen zum Urteil für die russische Luftabwehr und zeigte, dass die Entfernung von der Frontlinie die Sicherheit nicht mehr garantiert.
Die Angriffe setzen sich gegen die Infrastruktur fort. In der Nacht zum 14. Juli griffen ukrainische Verteidigungskräfte erfolgreich einen der größten Erdölraffinerie- und Petrochemiekomplexe Russlands in der Stadt Salawat an. Dies war das letzte große petrochemische Objekt, das in diesem Jahr noch nicht angegriffen worden war. Für dieses Problem hat Moskau derzeit keine sofortige Lösung.