Die Evolution des Schutzes: Wie ukrainische Schutzwesten an die Realität des Drohnenkriegs angepasst werden
Die ukrainische Industrie für persönliche Schutzausrüstung (PSA) hat im letzten Jahrzehnt den Weg von der Nachahmung sowjetischer Modelle zur Entwicklung hochtechnologischer modulare Systeme zurückgelegt, die strengen internationalen Standards entsprechen. Laut Vertretern des Unternehmens Rarog Tactical Gear verfügt die Ukraine heute über einige der strengsten Zulassungsstandards für Schutzwesten der Welt.
In einem Interview mit RBK-Ukraine berichteten die Führungskräfte des Unternehmens – der Vertriebsdirektor Dmytro Yezhkov und der Leiter von F&E mit dem Rufnamen „Svyatyz“ – über die Transformation der Anforderungen an die Ausrüstung, den Wechsel von der Schutzfunktion gegen Kugeln hin zum Schutz vor Splittern und den Perspektiven der Einführung von Exoskeletten.
Von der Plattenweste zum modularen System
Laut Experten hat sich das Konzept der modernen Schutzweste in der ukrainischen Armee erst nach Beginn der umfassenden Invasion im Jahr 2022 herausgebildet.
„Im Jahr 2014 gab es unter den Soldaten keinen allgemeinen Begriff für eine Schutzweste. Die Leute nannten sowohl Plattenwesten als auch andere Dinge, die eigentlich nichts mit einer Schutzweste zu tun hatten, eine Schutzweste. Die modulare Schutzweste, wie wir sie heute verstehen, entstand erst nach 2022“, betont Dmytro Yezhkov.
Die Produkte von Rarog werden auf der Grundlage von Rückmeldungen von der Front entwickelt. Ingenieure analysieren die Art der Verletzungen und die Bedrohungen, um den Schutz anzupassen. Während in den Jahren 2014–2022 der Schutz vor Schusswaffen bei Angriffen auf Positionen (Platten der Klasse 6) Priorität hatte, liegt der Schwerpunkt heute auf dem Schutz vor Splittern von Kampfdrohnen.
Das Problem des Gewichts und die Zukunft von Exoskeletten
Ein moderner Kämpfer trägt eine erhebliche Masse – bis zu 15 kg allein an ballistischem Schutz. Dies erzeugt eine kritische Belastung für die Wirbelsäule und verringert die Mobilität.
Laut Entwicklern bewegt sich der globale Trend in Richtung der Einführung von Exoskeletten, die es ermöglichen, das Gewicht zu verteilen und die Gesundheit des Soldaten zu erhalten. Derzeit konzentrieren sich die Hersteller auf Ergonomie und die Gewichtsreduzierung der Produkte selbst.
Eine der Innovationen von Rarog ist die leichteste Schutzweste der Ukraine mit einem Gewicht von nur 6,5 kg. Sie ist mit leichten Platten der Klasse 6 ausgestattet, die einen Maschinengewehrschuss aus einer Entfernung von 10 Metern standhalten. Die Konstruktion ermöglicht es, sie unter einem Mantel oder Hemd zu tragen, was für Einheiten der zweiten und dritten Linie wichtig ist.
Innovationen bei der Rettung von Verletzten
Ein wichtiger Aspekt der Entwicklung ist nicht nur der Schutz, sondern auch die Evakuierung. Das Unternehmen hat ein spezielles Evakuierungsseil eingeführt, das nicht an der Schutzweste selbst, sondern am Gurtsystem oder am Gürtel befestigt wird. Dies ermöglicht es, einen Verletzten zu schleifen, ohne zusätzliche Belastung auf seinen Körper auszuüben und die Integrität des Schutzes zu beeinträchtigen.
Widersprüchliche Daten
Während des Interviews entstand eine Diskrepanz bezüglich des Status der Beschaffung von Damen-Schutzwesten.
- Medienversion: Journalisten stellten fest, dass das ukrainische Verteidigungsministerium „vor kurzem erstmals eine Charge Damen-Schutzwesten gekauft hat“.
- Hersteller-Version: Vertreter von Rarog Tactical Gear erklärten, dass die Aufteilung in Herren- und Damenmodelle „bereits lange zurückliegt“. Ihrer Meinung nach ist ihre Produktlinie universell: Mit austauschbaren anatomischen Polstern (inneren Dämpfern) kann jede Schutzweste an die weibliche Anatomie angepasst werden, indem die notwendigen Polster für eine ergonomische Passform hinzugefügt werden.
Obwohl die Beschaffung für den Staat im Rahmen eines Staatsvertrags möglicherweise die „erste“ war, ist dies für den Markt und die Hersteller bereits eine etablierte Praxis der Anpassung.
Materialien: Import versus Lokalisierung
Die Frage der Importsubstitution im Bereich der Rüstung bleibt komplex. Zum Beginn der umfassenden Invasion waren ukrainische Unternehmen nicht bereit, qualitativ hochwertige Materialien bereitzustellen.
Heute hat sich die Situation teilweise geändert:
- Stoffe: Es werden hauptsächlich ukrainische oder amerikanische Materialien verwendet, die zertifiziert wurden.
- Ballistische Taschen: In der Ukraine gibt es derzeit keine Produktion von Aramid oder Hochmolekularem Polyethylen (die Basis für weiche Taschen).
- Keramik: Keramische Schutzplatten werden im Inland produziert.
Das Unternehmen Rarog verfolgt die Strategie „kein Risiko einzugehen“ und verwendet bewährte Komponenten, um den maximalen Schutz der Soldaten zu gewährleisten.