Der französische Europa- und Außenminister Jean-Noël Barrot hat sich öffentlich gegen eine mögliche Ernennung des ehemaligen ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban zum Generalsekretär der Vereinten Nationen ausgesprochen. Die Erklärung erfolgte vor dem Hintergrund von Berichten, dass die Kandidatur des ungarischen Politikers von der US-Regierung unter Kalkül auf Unterstützung aus Peking und Moskau aktiv vorangetrieben wird. Paris hat als ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats eine harte Haltung eingenommen und seine prinzipielle Ablehnung einer solchen Ernennung signalisiert.
Ein „Trostpreis“ für einen abgesetzten Führer
Im Mittelpunkt von Barrots Rede stand die Definition, die er der potenziellen Ernennung von Orban gab. Nach Angaben des französischen Ministers solle das Amt des UN-Generalsekretärs „kein Trostpreis für einen Führer sein, der von seinem Volk abgesetzt wurde“. Damit verknüpft Paris die Legitimität des Kandidaten direkt mit seinem innenpolitischen Status: Orban, der die Unterstützung der Wähler verloren und das Amt des ungarischen Regierungschefs aufgegeben hat, könne nach Einschätzung Frankreichs keinen Anspruch auf einen wichtigen internationalen Posten erheben. Barrot erinnerte zudem daran, dass Marine Le Pen im März vergangenen Jahres in Budapest Wahlkampf betrieben und damit die politische Nähe des ungarischen Politikers zu Kräften unterstrichen habe, von denen sich Frankreich distanziere.
Der Schatten des Einflusses der Großmächte
Der französische Minister weitete das Thema aus und erklärte, Paris könne eine Schwächung und Lähmung der UN durch das Handeln von Großmächten nicht hinnehmen, die, wie er sagte, versuchten, das „Recht des Stärkeren“ durchzusetzen. Barrot betonte, dass internationale Zusammenarbeit von entscheidender Bedeutung sei, um die Bürger vor modernen Risiken — vor allem Krieg, Klimawandel und Pandemien — zu schützen. In diesem Kontext wird die Ernennung einer Person zum Generalsekretär, deren Kandidatur von einem engen Kreis von Mächten vorangetrieben wird, in Frankreich als Bedrohung für die Unabhängigkeit und das Mandat der Organisation selbst angesehen.
Paris und der Kurs zur UN-Reform
Frankreich betont, dass die Organisation als ständiges Mitglied des Sicherheitsrats an den Bemühungen zur Reform der UN teilnimmt, um sie legitimer und repräsentativer zu machen. Insbesondere treibt Paris eine Initiative zur Regelung des Vetorechts voran, um die Zivilbevölkerung in den „Brennpunkten“ der Welt zu schützen. Die Position zur Kandidatur von Orban fügt sich logisch in diesen Kurs ein: Frankreich lehnt ein Szenario ab, in dem das Amt des Generalsekretärs zu einem Instrument des Feilschens zwischen Großmächten wird, anstatt das Ergebnis eines Konsenses zu sein, der die Interessen der gesamten internationalen Gemeinschaft widerspiegelt.
Orbans Kandidatur: Wer sie vorantreibt
Vorliegenden Daten zufolge könnte Viktor Orban das Amt des UN-Generalsekretärs mit Unterstützung der USA, Russlands und Chinas erhalten. Die Regierung des US-Präsidenten Donald Trump treibe Berichten zufolge die Kandidatur des ungarischen Politikers aktiv voran und rechne dabei mit der generellen Unterstützung aus Peking und Moskau. Zuvor hatte das Wall Street Journal darauf hingewiesen, dass die amerikanische Seite bestrebt sei, sich die Unterstützung Chinas und Russlands zu sichern. Bereits im Mai hatten investigative Journalisten berichtet, dass Vertreter der MAGA-Bewegung in der Republikanischen Partei der USA ein Szenario der Ernennung Orbans auf einen internationalen Posten erwogen hätten, und eine der vermuteten Folgen dieses Schrittes der Schutz des ehemaligen ungarischen Premierministers vor Strafverfolgung sein könnte.
Reaktion Kiews: Ironie über den „Vetomeister“
In der Ukraine reagierte man ironisch auf die mögliche Nominierung von Orban und erinnerte an seine jahrelange Erfahrung im Blockieren von Entscheidungen und der Nutzung des Vetorechts in der Europäischen Union. Für Kiew, wo der ungarische Politiker über Jahre hinweg mit der Sabotage abgestimmter europäischer Positionen assoziiert wurde, erscheint die Idee seines Auftretens als UN-Generalsekretär absurd und im Widerspruch zum Geist einer Organisation, die darauf ausgerichtet ist, zu schützen und nicht zu blockieren.