Neonbeleuchtete Straßen, historische Anwesen, geheimnisvolle Wälder und gewöhnliche Hinterhöfe wirken völlig anders, wenn man sie auf vier Pfoten erkundet. In einigen Videospielen sind Katzen nicht nur Begleiter der Hauptfiguren, sondern geraten selbst ins Zentrum ungewöhnlicher Abenteuer. Styler-Redakteurin Yulia Lyushneva hat eine Auswahl von fünf atmosphärischen PC-Spielen zusammengestellt, in denen der Spieler zu einer Katze wird – von der Erkundung einer Cyberpunk-Stadt bis hin zu mystischen Reisen und emotionalen Geschichten über die Suche nach einem Zuhause. Jedes von ihnen bietet einen eigenen Blickwinkel auf eine vertraute Welt, in der menschliche Verhaltensregeln in den Hintergrund treten und Neugier sowie Instinkte zum Hauptmotor der Handlung werden.
Stray: Cyberpunk durch die Augen einer streunenden roten Katze
Das Abenteuerspiel von BlueTwelve Studio erzählt die Geschichte einer roten streunenden Katze, die nach der Trennung von ihrer Familie in einer geheimnisvollen Cyberpunk-Stadt landet. Anstelle von Menschen leben hier Roboter, und Leuchtreklamen erhellen verlassene Gebäude und rostige Konstruktionen. Der Spieler muss enge Gassen erkunden, über Dächer springen, durch Lüftungsschächte kriechen und Rätsel lösen. Auf ihrer Reise wird die Katze von einer kleinen Drohne namens B-12 begleitet, die bei der Interaktion mit der unbekannten Welt hilft. Dabei haben die Bezeichnungen der Entwickler vertraute Katzenmanieren bewahrt: Man kann miauen, an Möbeln kratzen, Gegenstände herunterwerfen und es sich an den unwahrscheinlichsten Orten gemütlich machen. Die größte Stärke von Stray ist der Kontrast zwischen düsterer Science-Fiction und dem Verhalten einer ganz normalen Katze: Inmitten von Robotern und gefährlichen Kreaturen bleibt der Protagonist ein Tier, für das Neugier manchmal wichtiger ist als Vorsicht, und genau durch diese Perspektive wirken vertraute Cyberpunk-Elemente völlig neuartig.
Little Kitty, Big City: Die Stadt als riesiger Spielplatz für kätzische Neugier
Im Abenteuerspiel von Double Dagger Studio findet sich ein kleines schwarzes Kätzchen nach einem unglücklichen Erwachen inmitten einer Großstadt wieder. Es muss den Weg nach Hause finden, aber es gibt so viel Interessantes zu entdecken, dass an eine Rückkehr in den Alltag kaum zu denken ist. Der Spieler kann Straßen erkunden, andere Tiere treffen, kleine Aufgaben erledigen und lustige Hüte sammeln. Einen besonderen Platz nehmen die sogenannten Katzenstreiche ein: Es ist erlaubt, Gegenstände umzuwerfen, Passanten zu stören, sich in ungewöhnliche Orte zu schleichen und mitten im städtischen Trubel zu ruhen. Das Spiel drängt den Spieler nicht ständig dazu, der Haupthandlung zu folgen, und lässt viel Raum für eigenständige Abenteuer. Der helle Cartoon-Stil unterstreicht die Hauptidee: Für Menschen alltägliche Gegenstände werden hier zu Hindernissen, Spielzeugen oder Ruheplätzen, und das größte Vergnügen besteht darin, für eine Weile die menschlichen Verhaltensregeln zu vergessen.
Cat Detective Albert Wilde: Ein Noir-Detektiv mit quantenmechanischem Twist
Das atmosphärische Detektivabenteuer des griechischen Studios beyondthosehills spielt im New York der 1930er Jahre. Die Hauptfigur ist der Privatdetektiv Albert Wilde, eine anthropomorphe Katze, die unter finanziellen Schwierigkeiten leidet und einen rätselhaften Mordfall übernimmt, der nach und nach eine unerwartete Wendung nimmt. Der Spieler muss die Stadt erkunden, mit ungewöhnlichen Charakteren sprechen, Verhöre führen und Geheimnisse lüften. Das Spiel verbindet Elemente aus interaktivem Kino, Detektivgeschichte und Science-Fiction: Die Handlung berührt Quantentheorie und Paralleluniversen. Schwarz-Weiß-Grafiken, Jazz-Motive und der für klassische Noir-Filmparodien typische Humor vermitteln das Gefühl, versehentlich in einen vergessenen Kriminalfilm geraten zu sein, bei dem so manches völlig anders läuft als geplant. Die Entwickler haben das Detektivklischee des alten Hollywood-Kinos neu interpretiert: Statt eines strengen Mannes mit Hut gibt es eine Katze mit Ecken und Kanten, Geldsorgen und zweifelhaften Bekanntschaften.
Cats and the Other Lives: Familiendrama durch die Augen der Katze Aspen
Das narrative Abenteuer von Cultic Games spielt im alten Anwesen der Familie Mason. Nach dem Tod von Bernard Mason kehren seine Verwandten in das Familienhaus zurück, wo nach und nach alte Konflikte, unerfüllte Erwartungen und verborgene Geheimnisse aufbrechen. Man beobachtet die Familie aus der Perspektive der Hauskatze Aspen: Sie bewegt sich durch die Zimmer, untersucht Möbel, interagiert mit Objekten und wird Zeugin von Gesprächen zwischen den Bewohnern des Anwesens. Das Spiel kombiniert Pixel-Art, Elemente einer interaktiven Geschichte und eine einfache Steuerung, die auf natürlichem Katzenverhalten basiert. Nach und nach entfaltet sich vor dem Spieler die Geschichte mehrerer Generationen der Familie, wobei die Katze gleichzeitig Beobachter und Teilnehmer der Ereignisse ist – ihre Präsenz im Bild bestimmt den Maßstab und die emotionale Distanz, sodass menschliche Dramen von außen betrachtet werden können.
Warum ausgerechnet eine Katze der ideale Spielprotagonist ist
Das gemeinsame Merkmal aller fünf Spiele dieser Auswahl ist der Perspektivwechsel. Eine Katze versteht menschliche Kontexte nicht, kennt keine sozialen Normen und ist zu komplexer verbaler Kommunikation nicht fähig – und genau das macht ihren Blick auf die Welt so frisch und unerwartet. Cyberpunk in Stray hört auf, nur eine Ästhetik zu sein, und wird zu einer Ansammlung von Hindernissen und Verstecken; die Stadt in Little Kitty, Big City verwandelt sich in einen riesigen Spielplatz; das Noir-New York in Cat Detective Albert Wilde erhält einen absurden Einschlag; und das Familienanwesen in Cats and the Other Lives offenbart sich durch die stillen Beobachtungen eines vierbeinigen Betrachters. Diese Auswahl zeigt, dass eine Katze als Spielfigur nicht nur ein niedlicher visueller Kniff ist, sondern ein vollwertiges narratives Werkzeug, das es den Autoren ermöglicht, Genre-Klischees zu hinterfragen und dem Spieler ein einzigartiges Eintauchen in vertraute Welten aus einem völlig neuen Blickwinkel zu bieten.