Russische Streitkräfte haben in kurzer Zeit zum fünften Mal Tankstellen der Kette „Ukrenafta“ in Kiew angegriffen. Getroffen wurden Stationen sowohl auf dem linken als auch auf dem rechten Ufer der Hauptstadt. Zum Zeitpunkt des Angriffs waren die Tankstellen wegen des geltenden Luftalarms nicht in Betrieb: Das Personal befand sich in Schutzräumen, auf dem Gelände waren keine Besucher. Der Vorstandsvorsitzende der Aktiengesellschaft „Ukrenafta“, Bohdan Kukur, betonte, dass zivile Infrastruktur getroffen wurde, die täglich von Tausenden von Menschen genutzt wird. Das Unternehmen bewertet derzeit die Folgen des Angriffs und wird den Umfang der Wiederherstellungsarbeiten an den beschädigten Objekten bestimmen.
Gabionen statt gewohnter Sicherheit
Bei „Ukrenafta“ wird betont, dass die bewusste Einstellung des Tankstellenbetriebs während des Luftalarms zu einem Standardverfahren geworden ist, das darauf abzielt, die Risiken für Personal und Kunden zu minimieren. Die jüngsten Angriffe hätten, so die Vertreter des Unternehmens, lediglich die Notwendigkeit solcher Maßnahmen bestätigt. Gleichzeitig hat die Kette bereits damit begonnen, Gabionen um ihre Tankstellen in Kiew zu errichten – ein Versuch, die Folgen möglicher weiterer Schläge gegen die Kraftstoffinfrastruktur der Hauptstadt zu verringern. Die Sicherheit der Menschen bleibe, wie das Unternehmen erklärt, absolute Priorität.
Der Westen erstmals im Visier: Taktik oder Ausweitung?
Am vergangenen Wochenende griff Russland erstmals Tankstellen im Westen der Ukraine an – getroffen wurden Objekte in den Oblasten Schytomyr und Riwne. Der Direktor der Beratungsgruppe A-95, Serhij Kujun, hält dies nicht für eine qualitative Änderung der Taktik, die einen wesentlichen Einfluss auf den Kraftstoffmarkt ausüben könnte. „Da passiert tatsächlich nichts Neues. Nach 300 angegriffenen Stationen im Osten des Landes ist das im Grunde nur eine Ausweitung dieses Terrors“, erklärte der Experte. Seinen Worten zufolge war die Intensität der Angriffe im Osten durch die Möglichkeit des Einsatzes verschiedener Waffentypen bedingt – FPV-Drohnen, „Molnija“, „Lancet“ und KAB-Bomben. In anderen Regionen hätten die russischen Truppen nach Einschätzung Kujsuns solche Möglichkeiten nicht, daher sei nicht mit gleich großen Schlägen zu rechnen.
Warum es keinen Mangel geben wird: die Arithmetik der Logistik
Systematische Angriffe auf Tankstellen in den zentralen und westlichen Regionen werden, so der Experte, keine Probleme mit der Kraftstofflogistik verursachen. Kujun verweist auf die Reichweite, die Tanklastwagen überwinden können: Die Reichweite beträgt rund 800 Kilometer, während der Abstand von Lwiw bis Kiew etwa 500 km beträgt. „Was macht es ihm also aus, ob auf dem Weg Tankstellen vorhanden sind oder nicht?“, erklärt der Experte. Außerdem werde ein massenhafter Ausfall von Tankstellen nicht eintreten: In Kiew sind 270 Stationen in Betrieb, in der Oblast Kiew weitere 530. Zusammen sind das 800 Objekte, was „ein Vielfaches dessen ist, was tatsächlich benötigt wird“. Laut den von Kujun angeführten Daten hatte Energieminister Denys Schmygal von mehr als 300 angegriffenen Tankstellen seit Beginn des sogenannten „Tankstellenterrors“ berichtet, wobei etwa 80 % der Stationen nach den Schlägen ihren Betrieb wieder aufgenommen hatten. In keiner Region wurde ein Kraftstoffmangel oder eine Preiserhöhung infolge der Angriffe festgestellt.
Panik als Druckmittel
Gleichzeitig räumt der Experte ein, dass die Angriffe einen kurzfristigen Panikkauf bei den Fahrern auslösen könnten: Die Menschen könnten aufgrund der Sorge vor neuen Schlägen damit beginnen, Kraftstoff zu hamstern. „Das kann passieren, die Menschen können nervös sein. Im Grunde genau das erreichen die Russen. Das ist Terrorismus, wenn sie die Psyche der Menschen erschüttern und sie in Stress versetzen“, so Kujun. Nach seinen Beobachtungen wird bereits an einzelnen Tankstellen eine gewisse Aktivierung der Nachfrage festgestellt, doch die Situation sollte sich schnell stabilisieren, sobald die Verbraucher sich von der Abwesenheit eines Mangels überzeugt haben. „Auf dem Markt gibt es sehr viel Kraftstoff, aller Marken“, betonte der Experte.
Widersprüchliche Daten
In den Einschätzungen der Experten und den Schlagzeilen der Analysematerialien zeigt sich eine Uneinigkeit in der Bewertung der Folgen der Angriffe. Einerseits betonen eine Reihe von Medien (auch unter Schlagzeilen, die auf einen möglichen Mangel und eine starke Verteuerung des Kraftstoffs hinweisen) die Risiken für die Preisentwicklung und die Lieferketten. Andererseits wird sowohl im Kommentar von Serhij Kujun als auch in den Materialien, die den aktuellen Zustand des Marktes festhalten, ausdrücklich darauf hingewiesen, dass weder ein Kraftstoffmangel noch eine Preiserhöhung infolge der Angriffe festgestellt wurde, und dass 80 % der beschädigten Stationen bereits wieder in Betrieb sind. Außerdem bleibt um die vor den Angriffen veröffentlichte Liste von 18 Kiewer Tankstellen Unsicherheit bestehen: Der Experte räumt ein, dass die Liste echt gewesen sein könnte (zwei Tage später wurden tatsächlich drei der genannten Stationen beschädigt), schließt aber auch alternative Versionen nicht aus. Somit bleibt die Frage, ob die Ausweitung der Geographie der Schläge eine systematische taktische Umstrukturierung oder eine logische Folge des bereits geltenden Modells des „Tankstellenterrors“ ist, Gegenstand der Debatte.