Der Mythos, dass die Zeit, die mit einem Controller verbracht wird, unwiederbringlich verloren ist, stammt aus der Ära der ersten Arcade-Automaten. Doch je komplexer die Industrie wird, desto deutlicher wird das Gegenteil: Moderne Spiele lassen das Bewusstsein nicht einschlafen, sondern treiben das Gehirn auf den verschiedensten kognitiven Pfaden.
Videospiele als literarischer Trainer
Eines der anschaulichsten Beispiele für die Entwicklung von Fähigkeiten durch Spiele ist das Lesen. JRPGs aus der SNES-Ära mit ihren endlosen Dialogseiten könnten durchaus als Schulbuch für die Muttersprache durchgehen. Die Geschichte kennt Fälle, in denen Kinder bis zur fünften Klasse das „schwarze“ Lesekunstniveau (universitär) erreichten und Erwachsene mit Fragen zur Bedeutung komplexer Wörter aus dem Häuschen brachten, die sie direkt während des Spielens mit Hilfe von Wörterbüchern lernten.
Eine eigene Kategorie von Spielern hat Fremdsprachen nicht aus Lehrbüchern, sondern durch Untertitel gelernt. Ein leuchtendes Beispiel ist World of Warcraft, um das sich eine ganze Community gebildet hat, die die Sprache im Spielprozess gelernt hat.
Wenn man über die Textmengen spricht, klingen die Zahlen fast absurd:
- Die Dialoge in Planescape: Torment überholen die Bibel in der Anzahl der Wörter.
- Die Trails-Serie von Falcom enthält laut Schätzungen der Fans zehnmal mehr Text als der gesamte „Harry Potter“-Zyklus und fünfzehnmal mehr als die Bibel.
- Nur die Teile Cold Steel 3 und 4 überdecken im Textvolumen den gesamten Zyklus über den Zauberer.
Isometrische RPGs wie Pathfinder, Tyranny und Pillars of Eternity beanspruchen leicht 150 bis 300 Stunden Spielzeit, von denen der Spieler den Großteil damit verbringt, sich in den Lore zu vertiefen und zu lesen.
Entwicklung von Denkvermögen und räumlicher Wahrnehmung
Spiele trainieren das Denkvermögen nicht schlechter als akademische Übungen. Puzzle-Titel wie Portal, The Witness und Superliminal basieren auf dem Spiel mit der Perspektive und zwingen dazu, die räumliche Wahrnehmung auf den Kopf zu stellen.
Besonders erwähnenswert ist das Spiel Pneuma, in dem der Spieler einen Schöpfergott der Universum steuert, während ein schwatzhafter Erzähler zwischen den Rätseln philosophische Fragen stellt. Die Wirksamkeit dieses Ansatzes ist wissenschaftlich belegt: Vor einigen Jahren führten Wissenschaftler in Australien ein Experiment durch, bei dem eine Gruppe älterer Menschen Portal spielte, während eine zweite Gruppe eine App zur „Gehirntraining“ nutzte. Am Ende mehrerer Wochen lagen die kognitiven Testergebnisse der Portal-Gruppe höher.
Versteckte Fähigkeiten: Von Mathematik bis Navigation
Es gibt auch weniger offensichtliche Fähigkeiten, die in Spielen geschult werden. Survival-Sandbox-Spiele wie Satisfactory, Factorio, Oxygen Not Included und Dwarf Fortress trainieren Mathematik, die Planung von Arbeitszyklen, Geduld und sogar die Arbeit mit Tabellen. Satisfactory prüft den Spieler beispielsweise buchstäblich auf all diese Fähigkeiten, wenn er sich in die Optimierung der Fabrik vertieft.
Zudem hat die Navigation durch Anwesen in Resident Evil oder die Straßen von Vice City, nach persönlichen Beobachtungen vieler Gamer, über Jahre hinweg ein ausgeprägtes Orientierungsgefühl geprägt.
Beteiligung ist wichtiger als das Medium
In Debatten über den Nutzen von Spielen wird oft der Spieß umgedreht, indem Film und Fernsehen als passive „Kaugummi“ bezeichnet werden. Dies ist ebenso einseitig wie die gegenteilige These. Wie ein Teilnehmer der Diskussion treffend bemerkte: „Wie sehr ein Zuschauer einfach nur sitzt und nichts tut, hängt davon ab, wie sehr er sich selbst in den Inhalt einbringt“.
Ein Anime, ein Film oder eine Serie kann man ansehen, indem man Themen analysiert und Situationen auf sich selbst anwendet, oder man kann starr auf den Bildschirm starren, ohne einen Gedanken zu fassen. Der Unterschied liegt nicht im Medium, sondern darin, ob das Gehirn eingeschaltet ist.