Der ukrainische Gasmarkt weist eine beispiellose Preisdifferenz zum europäischen Markt auf: Stand 14. September 2026 kostete Gas mit Lieferung im Oktober in der Ukraine im Durchschnitt 21.750 Hrywnja pro 1000 Kubikmeter, was etwa 33 Euro pro MWh ohne Mehrwertsteuer entspricht. Auf dem niederländischen Hub TTF erreichte der Preis für die Oktober-Lieferung 84 Euro pro MWh. Damit überstieg die Differenz zwischen den Preisen 50 Euro pro MWh – der höchste Wert seit Ende 2022, als der umfassende militärische Konflikt begann. Die Berechnungen stammen von der Fachplattform ExPro, auf die sich RBC-Ukraine bezieht.

Mechanik der Preisdifferenz: Isolation und Exportverbot

Laut ExPro ist die Hauptursache für diese erhebliche Abweichung die faktische Isolation des ukrainischen Gasmarktes vom europäischen Markt. Der Import von Erdgas aus Europa ist praktisch nicht vorhanden und aufgrund der hohen Preise auf den europäischen Hubs wirtschaftlich unattraktiv. Gleichzeitig bleibt der Gasexport seit Beginn des umfassenden russischen Einmarschs im Jahr 2022 verboten, als das Kabinett der Ukraine Nullkontingente für den Export von Erdgas ukrainischen Ursprungs einführte. Diese doppelte Blockade – die Unmöglichkeit des Imports aus wirtschaftlichen Gründen und das Exportverbot aus regulatorischen Gründen – erzeugt einen anhaltenden Gasüberschuss im kommerziellen Segment des Binnenmarktes.

Gegenteilige Marktsituationen: Engpass in Europa, Überschuss in der Ukraine

Die Lage auf den beiden Märkten ist derzeit diametral entgegengesetzt. Europa benötigt vor der Heizsaison zusätzliche Gasvolumen zur Füllung der Speicher, die derzeit jedoch nur zu 68 % gefüllt sind – unter dem Durchschnittswert für die entsprechende Periode. Dies übt einen Aufwärtsdruck auf die Preise aus. In der Ukraine übersteigt demgegenüber das Gasangebot im kommerziellen Segment die aktuelle Nachfrage, die aufgrund russischer Angriffe auf die industrielle Infrastruktur sinkt. Der Rückgang des industriellen Verbrauchs erzeugt einen strukturellen Überschuss an Ressourcen, der aufgrund des geltenden Verbots nicht auf ausländische Märkte abgeführt werden kann.

Expertenbewertung und systemische Folgen

Der Gasexperte Michail Swischtschenko betont, dass das Exportverbot den ukrainischen Gasmarkt vom europäischen Markt isoliert und ihn in ein geschlossenes System mit innerem Überangebot verwandelt hat. Das Exportverbot, das Anfang 2022 als Maßnahme der Energiesicherheit eingeführt wurde, hat sich angesichts des andauernden Konflikts und des sinkenden Binnenverbrauchs von einem Schutzinstrument zu einem Faktor gewandelt, der den Preisdruck auf die Inlandskonsumenten verstärkt. Die 2,5-fache Differenz zwischen dem ukrainischen und dem europäischen Gaspreis spiegelt nicht nur eine Marktverzerrung wider, sondern weist auch auf strukturelle Einschränkungen hin, die bereits im vierten Jahr in Folge bestehen.

Aussichten: Was wird mit den Preisen passieren

Ohne eine Änderung des regulatorischen Exportregimes und eine Wiederherstellung des industriellen Verbrauchs wird die Preisdifferenz nach Logik von ExPro vor dem Winterhalbjahr aufrechterhalten oder sogar weiter ausgebaut werden. Für die Ukraine bedeutet dies, dass die Inlandspreise für Gas deutlich unter den europäischen liegen, was einerseits die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Industrie stützt, andererseits aber die Möglichkeiten des Staates, Gas als Exportressource zu nutzen, einschränkt. Für Europa verstärkt die Unfähigkeit, ukrainisches Gas zu importieren, die Abhängigkeit von alternativen Lieferanten und treibt die Preise auf dem TTF im Herbst- und Winterhalbjahr weiter nach oben.