Die Europäische Südsternwarte (ESO) hat die Entdeckung eines zuvor unbekannten Sterns S301 im Zentrum der Milchstraße bekannt gegeben, der bei seinem maximalen Annäherungspunkt an das supermassereiche Schwarze Loch Sagittarius A* (Sgr A*) auf etwa 25.000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt. Das entspricht rund 8 % der Lichtgeschwindigkeit und ist der bisherige Rekordwert unter allen bekannten Sternen. Die Entdeckung wurde durch den Infrarot-Interferometer GRAVITY am Very Large Telescope (VLT) in der chilenischen Atacama-Wüste ermöglicht, der in der Lage ist, die Position selbst schwacher Objekte im dicht besetzten Kern der Galaxie mit außergewöhnlicher Präzision zu verfolgen.

Enge Umlaufbahn und rekordverdächtige Beschleunigung

S301 bewegt sich auf einer extrem engen Umlaufbahn um das zentrale Schwarze Loch unserer Galaxie und vollendet eine Umrundung in nur 8,7 Jahren. Zum Vergleich: Für einen der bekanntesten Sterne in der Umgebung von Sgr A* – S2 – dauert derselbe Umlauf etwa 16 Jahre. Im Perizentrum, also dem Punkt der maximalen Annäherung, passiert der Stern das Schwarze Loch auf einer Distanz von etwa 12 astronomischen Einheiten. Da eine astronomische Einheit dem mittleren Abstand zwischen Erde und Sonne – rund 150 Millionen Kilometern – entspricht, trennen S301 und Sgr A* im nächstgelegenen Punkt ihrer Umlaufbahn etwa 1,8 Milliarden Kilometer. Genau in diesem Bereich beschleunigt die gewaltige Gravitation des Schwarzen Lochs den Stern auf die rekordverdächtigen 25.000 km/s (was fast 90 Millionen km/h entspricht).

Wie das Objekt entdeckt wurde und um welchen Stern es sich handelt

Nach der ersten Entdeckung von S301 mit GRAVITY übergingen die Wissenschaftler zur Analyse archivierter Beobachtungen, was es ermöglichte, die Geschichte des Objekts wiederherzustellen und seine Natur zu bestimmen. Den erhobenen Daten zufolge handelt es sich bei S301 um einen relativ kleinen sonnenähnlichen Stern, der von der Gravitation des supermassereichen Schwarzen Lochs eingefangen wurde. Die hohe Empfindlichkeit des Interferometers im Infrarotbereich erwies sich als entscheidender Faktor: Im dichten Zentrum der Galaxie, wo sich Tausende von Sternen überlagern, erlaubt nur eine solche Auflösungstechnik, ein einzelnes schwaches Objekt herauszufiltern und seine Bewegung präzise zu messen.

Prüfung der Relativitätstheorie und Messung der Rotation des Schwarzen Lochs

Der wissenschaftliche Wert der Entdeckung geht weit über die bloße Tatsache des Geschwindigkeitsrekords hinaus. Dank der kurzen Umlaufperiode und der extremen Annäherung an Sgr A* unterliegt die Bewegung von S301 starken relativistischen Effekten, was ihn zu einem idealen natürlichen Prüfstand für neue hochpräzise Tests von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie und zur Präzisierung der Eigenschaften des zentralen Schwarzen Lochs macht. Von besonderer Bedeutung ist die Aufgabe, die Rotation von Sgr A* zu messen: Laut dem Forscher Felix Mang vom Institut für extraterrestrische Physik könnten die Beobachtungen von S301 es erstmals ermöglichen, die Rotationsgeschwindigkeit des supermassereichen Schwarzen Lochs im Zentrum der Milchstraße innerhalb des nächsten Jahrzehnts direkt zu bestimmen. Ohne diesen Stern hätten vergleichbare Daten zu anderen Objekten mehrere Jahrzehnte der Beobachtung erfordert.

Bedeutung der Entdeckung für die Astrophysik

S301 wird somit nicht nur der „schnellste Stern“ im Katalog, sondern ein einzigartiges Werkzeug zur Untersuchung eines der extremsten Gravitationsfelder im Universum. Die Gesamtheit der Daten zu seiner Umlaufbahn wird es gleichzeitig ermöglichen, die Vorhersagen der relativistischen Physik im starken Feld zu überprüfen und eine der Schlüsselbeschränkungen beim Verständnis der Natur von Sagittarius A* zu beheben. Für die wissenschaftliche Gemeinschaft bedeutet die Entdeckung, dass in den kommenden Jahren eine Reihe präziser Messungen zu erwarten ist, die zuvor als in absehbarer Zeit unerreichbar galten.