Der Herbst war für die ukrainischen Vorfahren weit mehr als bloß ein Wechsel der Jahreszeit – er war eine vollwertige Etappe des Volkskalenders, in der jedes Ereignis und jedes Zeichen der Natur einen praktischen Sinn trug. Das Ende der Feldarbeiten, die Vorbereitung auf den Winter, die Beobachtung des Wetters und der Vegetation sowie ein ganzes System von Verboten und Ritualen bildeten das dichte Geflecht des herbstlichen Dorflebens. Laut den ethnografischen Archiven des Instituts für Volksliteratur und -kultur Maxym-Rylski der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine umfasste der traditionelle Herbstzyklus Dutzende von Daten, von denen jede ihre eigene Bedeutung für das wirtschaftliche, alltägliche und geistige Leben der Gemeinschaft hatte.
Der Beginn des Herbstzyklus: der Tag von Symeon dem Säulenträger und das «Poswit» im Polissja
In ethnografischen Quellen wird der Beginn des Herbstzyklus unter anderem mit dem Tag von Symeon dem Säulenträger (Semen Stolpnik) in Verbindung gebracht. Laut Angaben im Beitrag von Styler fiel dieser Tag früher auf den 14. September nach dem alten Stil und liegt nach dem neuen julianischen Kalender auf den 1. September. Dieser Tag symbolisierte das Ende des Sommers und den Übergang zu einer neuen Etappe des wirtschaftlichen und alltäglichen Lebens. Im Polissja zündete man an diesem Tag das «Poswit» – eine Lichtquelle im Haus – an, was nicht bloß eine Alltags-handlung, sondern ein ritueller Gestus war: Ab diesem Moment wurden Arbeiten, die im Sommer im Freien verrichtet wurden, ins Haus verlegt. Es begannen die Abendsitzungen und «Doswityki» – traditionelle Abendversammlungen, in denen Arbeit, Geselligkeit und Freizeit miteinander verbunden wurden.
Erntevorhersage und Winteransaaten: Was die Regen sagten
Das Wetter am Tag von Symeon dem Säulenträger galt als wichtiger Indikator für die Zukunft. In der Hutsulschtschyna glaubte man: Steht an diesem Tag gutes Wetter, wird das kommende Jahr ertragreich sein. Ebenfalls praktisch war die Beobachtung der Zeit, zu der der Regen einsetzte: Morgendlicher Regen wies auf eine frühe Winteransaat hin, mittäglicher auf eine mittlere, abendlicher auf eine späte. So war die Volkswetterkunde eng in den landwirtschaftlichen Kalender verwoben und erlaubte es, Arbeiten mit einer Genauigkeit zu planen, die einer modernen Vorhersage für Monate im Voraus nicht zur Verfügung steht. Auch der Tag des heiligen Elias wurde als besondere Schwelle zwischen Sommer und Herbst empfunden; von ihm stammt, nach Volksglauben, das bekannte Sprichwort: Bis zum Mittag ist es noch Sommer, nach dem Mittag ist es schon Herbst.
Der Erntedankgarbenbund: symbolische Verbindung der Zyklen
Der Herbstzyklus war untrennbar mit dem Abschluss der landwirtschaftlichen Arbeiten verbunden, und einen besonderen Platz in dieser Tradition nahm der Erntedankgarbenbund (obshynnyj snop) ein. Das Getreide daraus konnte für die nächste Saat verwendet werden, was symbolisch den Abschluss eines landwirtschaftlichen Zyklus mit dem Beginn eines anderen verband. Das bei der vorherigen Ernte gesammelte Getreide wurde Teil der Vorbereitung auf die neue Saat – so wurde in der materiellen Kultur die Idee der Kontinuität und Zyklichkeit des Lebens verankert. Dieses Ritual betonte, dass der Herbst kein Ende, sondern ein Übergang ist, ein Moment, in dem die vergangene Arbeit zur Grundlage der Zukunft wird.
Der Herbst als Hochzeitsaison: Pokrowa und Brauchtum der Ehe
Während der Herbst heute vor allem mit Abkühlung assoziiert wird, war er für das ukrainische Dorf auch die wichtigste Hochzeitsaison. Nach Abschluss der Hauptfeldarbeiten hatten die Familien mehr Zeit für Feierlichkeiten, und einen besonderen Platz unter ihnen nahm die Pokrowa (Mariä Schutz) ein, die auf den 1. Oktober fällt. Mit diesem Fest begann traditionell die aktive Phase der herbstlichen Hochzeiten. Die Mädchen baten in der Pokrowa in Gebeten um zukünftige Ehegatten, und mit dem Fest waren konkrete Brauchtraditionen der Ehe verbunden. Das Iwan-Honchar-Museum zitiert eine Volkssprichwort: «Die Pokrowa bedeckt die Erde mit einem Blatt, und das Mädchen mit einem Kranz.» In Familien, in denen unverheiratete Mädchen lebten, zeigte man symbolisch die Bereitschaft, Freier anzunehmen: Vor dem Haus stellte man Schneeball (Kalyna) und handgefertigte Handtücher auf, und die Tür wurde offen gelassen. So hoffte man, die Freier und die künftige Hochzeit näher zu bringen.
Verbote, Glaubensvorstellungen und Naturbeobachtung
Die herbstlichen Glaubensvorstellungen umfassten auch konkrete Verbote. An der Zweiten Reinigung (Wtoraja Prischista), dem Fest der Geburt der Gottesmutter, das auf den 8. September fällt, bestanden in einzelnen Gegenden Vorstellungen über Schlangen: Nach dem Volksglauben versammelten sich an diesem Tag angeblich Schlangen, und unter ihnen gab es einen eigenen «König». Die Menschen versuchten, vorsichtig zu sein und bestimmte Handlungen zu vermeiden, insbesondere das Aufhalten auf der Straße. Die Pokrowa war wiederum ein wichtiger Tag für die Wettervorhersage der kommenden Monate: In der Tschernihiwschtschyna beobachtete man das Laub an den Bäumen – blieben an der Pokrowa die Blätter noch hängen, erwartete man einen warmen Winter, waren sie bereits abgefallen, einen kalten. Wind aus der «warmen Gegend» kündigte einen warmen Winter an, aus der «kalten» einen kalten. Wenn der Schnee die Erde noch nicht bedeckt hatte, glaubte man, dass es auch im November und Dezember keinen geben würde.
Jugendliche Freizeit und soziale Rituale des Herbstes
Mit Beginn der Herbstsaison änderte sich auch das Freizeitformat der Jugend. Wenn die Feldarbeiten abgeschlossen waren, versammelten sich junge Menschen in den Häusern zu Abendsitzungen und «Doswityki». Dort wurde nicht nur gesellig und unterhaltsam verbracht, sondern auch gearbeitet: gesponnen, gestickt, geflochten und andere Haushaltsaufgaben erledigt. Dies war ein wichtiger Element des ländlichen sozialen Lebens, in dem Arbeit, Geselligkeit und das Kennenlernen der Jugend organisch miteinander verwoben waren. Und am 28. Oktober, am Tag der Paraskeva-Pjatnyzja (Paraskevi Freitag), fürchteten die Ukrainer, zu nähen, zu spinnen und zu weben: Es bestand der Glaube, dass die heilige Paraskevi in Gestalt einer Frau über die Erde geht, deren Körper von Kämmen durchstochen und von Nadeln und Spindeln verwundet ist, weil die Hausfrauen das Verbot für solche Arbeiten brechen. Diese Rituale und Verbote prägten einen besonderen Rhythmus des herbstlichen Lebens, in dem jeder Tag seine eigene Bedeutung hatte und die Natur das wichtigste «Orakel» für die Planung der Zukunft blieb.