Regelmäßige Herzuntersuchungen halten viele Eltern für den unbedingten Garantien für die Gesundheit ihres Kindes. Doch laut Julia Kijan, stellvertretender Generaldirektorin für wissenschaftliche Arbeit des Zentrums für Kinderkardiologie und Herzchirurgie des ukrainischen Gesundheitsministeriums, interventioneller Kardiologin, Herzchirurgin und Kandidatin der medizinischen Wissenschaften, gibt es in der evidenzbasierten Medizin keinen einheitlichen universellen Algorithmus für die Echokardiografie (Echokg), der für alle Kinder ohne Ausnahme geeignet wäre. In einer Kolumne für RBC-Ukraine erklärte die Expertin im Detail, in welchen Fällen eine Ultraschalluntersuchung des Herzens tatsächlich notwendig ist und wann einem gesunden Kleinkind eine planmäßige Untersuchung durch den Kinderarzt ausreicht.
Feldarbeit unter Kriegsbedingungen: Tausende untersuchte Kinder
Seit Beginn des großangelegten Krieges führte das Team des Zentrums für Kinderkardiologie und Herzchirurgie mobile Konsultationen auf befreiten und frontnahen Gebieten der Ukraine durch und untersuchte Tausende von Kindern. Wie Julia Kijan erklärte, beschränkte sich die kardiologische Untersuchung der Kinder in stark zerstörten Städten und unter Dauerbeschuss im besten Fall auf ein EKG und eine Konsultation des Kinderkardiologen ohne Echokardiografie, mangels medizinischem Personal. Genau deshalb nahm das mobile Team des Zentrums Geräte mit und führte eine vollständige kardiologische Konsultation durch: Anamneseerhebung, Erfassung der Beschwerden, Untersuchung, EKG und Echokardiografie – in dem Umfang, der nach Standard vorgesehen ist.
Einem gesunden Kind ist regelmäßige Echokardiografie nicht angezeigt
Eine der häufigsten Fragen der Eltern lautet: Muss dem Kind regelmäßig eine Echokardiografie gemacht werden, wenn es nichts beunruhigt? Die Antwort ist aus Sicht der evidenzbasierten Medizin nicht so einfach, wie sie scheint. Ein universeller Algorithmus, der für alle passt, existiert nicht. Gleichzeitig ermöglicht ein Screening, Pathologien rechtzeitig zu erkennen, die Sterblichkeit zu senken, die Lebensqualität zu verbessern und kardiovaskuläre Ereignisse zu verhindern. Es gibt sehr viele Indikationen für die Echokardiografie, aber für Kinder ohne Symptome, ohne pathologische Befunde bei der Untersuchung und ohne relevante Familienanamnese ist eine regelmäßige Echokardiografie nicht angezeigt. Eine umfassende Herzuntersuchung wird dann verordnet, wenn beim Hausarzt bei der Routineuntersuchung der Verdacht auf eine Herzpathologie besteht. Dabei ist die Echokardiografie in Kombination mit dem EKG aussagekräftig, und in einigen Fällen sind zusätzliche bildgebende Verfahren – CT, MRT oder Belastungstests – erforderlich.
Vollständige Liste der Indikationen: von Herzgeräuschen bis zu genetischen Syndromen
Der häufigste Grund für die Überweisung zu einer umfassenden Herzuntersuchung sind Herzgeräusche, die der Kinderarzt bei der Routineuntersuchung hört. Jeder zentrale Zyanotismus erfordert eine Echokardiografie, ebenso wie Atemnot, die ein Marker für Herzinsuffizienz, Lungenarterienhypertonie oder einen Herzfehler sein kann. Brustschmerzen bei Kindern haben in 95 % der Fälle eine nicht-kardiale Ursache und sind äußerst selten, doch in einem solchen Fall schadet es nicht, eine Herzpathologie auszuschließen. Ein plötzlicher Bewusstseinsverlust oder häufiges Herzrasen können ebenfalls auf Herzprobleme hinweisen und erfordern manchmal eine zusätzliche Konsultation eines Arhythmologen. Myokarditis, die eine Komplikation vieler Erkrankungen und Zustände sein kann, lässt sich gerade durch die Echokardiografie vermuten und zu weiteren Untersuchungen überweisen. Arterielle Hypertonie bei einem Kind kann Herzfehler begleiten und ein Marker für andere Zustände sein, daher sind hier nicht nur EKG und Echokardiografie nützlich, sondern auch die Führung eines Blutdrucktagebuchs oder ein 24-Stunden-Blutdruckmonitoring.
Genetik, Infektionen und pränatale Diagnostik
Herzfehler gehen oft mit genetischen Syndromen einher, und für eine Reihe davon ist eine Herzuntersuchung obligatorisch: Trisomie 21, Turner-Syndrom, Marfan-Syndrom, Noonan-Syndrom, Williams-Syndrom, Deletion 22q11 und andere Syndrome mit hohem Risiko für angeborene Herzfehler. Die Echokardiografie ist die primäre bildgebende Methode bei Verdacht auf Kardiomyopathien. Ein wichtiger Bestandteil des Herz-Check-ups bleibt die Familienanamnese, da einige Herzfehler und Zustände eine genetische Komponente haben. Ebenso wichtig ist es, Fieber mit dem Herzen in Verbindung zu bringen: Manchmal muss infektiöse Endokarditis ausgeschlossen werden – eine gefährliche Entzündung, die eine Folge von Infektionen ist. Fieber wird auch zum Hauptsymptom bei Verdacht auf Kawasaki-Krankheit, in diesem Fall ist eine Bewertung der Koronararterien obligatorisch. Für MIS-C (multisystemisches Entzündungssyndrom) ist ein Herz-Ultraschall allen Patienten mit Verdacht auf oder bestätigtem Syndrom empfohlen. Darüber hinaus wird die Echokardiografie vor Beginn einer potenziell kardiotoxischen Therapie und während deren Durchführung empfohlen.
Pränatale Diagnostik und individueller Beobachtungsplan
Die Echokardiografie kann bereits pränatal durchgeführt werden: Die Erkennung eines Herzfehlers vor der Geburt des Kindes ermöglicht es, eine für das Kind sichere und für die Familie verständliche Behandlungstaktik zu planen. Wenn ein angeborener Herzfehler bereits festgestellt wurde, hängen die weiteren Untersuchungen von zahlreichen Faktoren ab und sind äußerst individuell – abhängig von der Art des Fehlers, zuvor durchgeführten Eingriffen, seiner Komplexität und begleitenden Pathologien. Somit wird die Entscheidung über die Häufigkeit und den Umfang der Echokardiografie für ein bestimmtes Kind immer vom Arzt unter Berücksichtigung des klinischen Bildes getroffen, nicht nach einem einheitlichen „kalendermäßigen“ Prinzip.