Umfangreiche Desinformationskampagne

Nach der Verschärfung der Migrationssituation im spanischen Exklaven Ceuta wurden die sozialen Medien von einer mächtigen Welle rechtsextremer Narrative erfasst. Laut einer Analyse der Desinformationsbekämpfungsgruppe „411“ wurde ein erheblicher Teil dieses Informationsraums von mit Russland verbundenen Accounts erstellt und verbreitet. In den ersten Tagen der Krise erreichten solche Bots und Proxy-Accounts mehr als 500.000 Nutzer und verwandelten einen lokalen Grenzvorfall in ein Instrument zur Destabilisierung der europäischen Agenda.

Forscher stellen fest, dass mit Russland verbundene Accounts regelmäßig destabilisierende Narrative in Europa verbreiten, insbesondere im Bereich der Migration. Allerdings haben Umfang und Geschwindigkeit der Kampagne rund um Ceuta die besondere Aufmerksamkeit der Experten auf sich gezogen. Die Krise begann am 1. August nach dem Versuch von Zehntausenden Menschen, die Grenze von Marokko in die spanische Exklave zu überqueren. Berichten zufolge versuchten am Vortag etwa 49.000 Menschen, nachts in das Gebiet der Exklave zu gelangen, was den größten Migrationsdurchbruch in der Region in den letzten Jahren darstellte.

Koordination und Ausbreitungsgeschwindigkeit

Die Ereignisse wurden schnell zum Thema intensiver Diskussionen in den sozialen Medien. Rechtsextreme Accounts präsentierte die Situation als einen absichtlich organisierten „Sturm“ und deuteten auf eine mögliche Beteiligung der Behörden an der Organisation des Migrantenstroms hin. Einige Veröffentlichungen wurden von islamophoben und antisemitischen Verschwörungstheorien begleitet. Laut „411“ wurden diese Narrative in sieben Sprachen verbreitet und erzielten allein in den ersten sechs Stunden des 1. Augusts mehr als 720.000 Aufrufe. Für die Analyse bearbeiteten die Forscher etwa 4,5 Millionen Beiträge in sozialen Medien und stellten klare Muster koordinierter Aktionen fest.

Gleichzeitig riefen einige rechtsextreme Accounts Nationalisten auf, nach Ceuta zu kommen und Unternehmen sowie Wohnhäuser zu „patrouillieren“. Die Forscher sind der Ansicht, dass einige dieser Aufrufe koordiniert verbreitet wurden und eine Bedrohung durch reale Straßenkrawalle darstellten. Der leitende Forscher von Alliance4Europe, Saman Nazari, merkte an, dass die Art der Informationsverbreitung auf das Vorhandensein einer bestimmten Struktur oder eines Koordinierungsmechanismus hindeuten könnte.

Die Rolle des Telegram-Kanals „Rybar“ und des Netzwerks „Pravda“

Eine separate Informations-„Gegenoffensive“ begann in den sozialen Medien, als sich die Situation verschärfte. Eine der wichtigsten Quellen für propagandistischen Inhalt war der Telegram-Kanal „Rybar“, der mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung gebracht wird. Die Muttergesellschaft des Kanals unterliegt den Sanktionen der Europäischen Union. Die Veröffentlichungen von „Rybar“ wurden von Netzwerken von Relay-Accounts aufgegriffen und verbreitet. Dazu gehörten Seiten, die mit dem Netzwerk „Pravda“ verbunden sind, das Forscher als eine Operation zur Verbreitung der Kreml-Propaganda in verschiedenen Ländern der Welt beschreiben.

„Wir beobachten derzeit ziemlich regelmäßig eine solche Eskalation in ganz Europa im Zusammenhang mit ähnlichen Krisen. Das ist zu große Übereinstimmung, um es einfach als Nachahmungseffekt zu betrachten“, erklärte Saman Nazari. Der Forscher von „411“, Ned Mendes, verglich die aktuelle Situation mit der Krise von 2021, als etwa 8.000 Migranten dieselbe Grenze von Marokko nach Spanien überquerten. Nach seinen Worten wurden die rechtsextremen Narrative diesmal viel schneller verbreitet. Aufrufe zur Mobilisierung von Nationalisten konnten bereits nach wenigen Tagen Gruppen von Menschen im Zentrum von Ceuta versammeln, während dieser Prozess im Jahr 2021 viel länger dauerte.

Aufbau eines Relay-Netzwerks

Bei „411“ wird angenommen, dass die Hauptgefahr nicht nur in der konkreten Krise liegt. Die Forscher sprechen von der Bildung eines Relay-Netzwerks, das ähnliche Ereignisse in verschiedenen Teilen Europas schnell aufnehmen und ihnen die notwendige mediale Aufmerksamkeit schenken kann. Aus diesem Grund könnte die nächste Migrations- oder Grenzkrise, so die Experten, einen neuen Grund für bereits gebildete Desinformationsnetzwerke darstellen. Zuvor berichtete RBK-Ukraine darüber, wie der Migrationsdurchbruch in Ceuta die EU spaltete und dem Kreml in die Hände spielte. Wir berichteten auch, dass Spanien nach dem Durchbruch von Zehntausenden Migranten eine Barriere an der Grenze von Ceuta errichten wird.