Der britische Startup Inherent, gegründet von ehemaligen Mitarbeitern von Google DeepMind, ist erst vor wenigen Wochen aus dem Stealth-Modus hervorgegangen und hat sofort seine Schlüsselentwicklung vorgestellt – den KI-Agenten Faraday, der in der Lage ist, die Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Publikationen eigenständig zu überprüfen. Laut TechCrunch konnte das Unternehmen im Rahmen einer frühen Finanzierungsrunde praktisch zeitgleich mit der öffentlichen Ankündigung 50 Mio. USD einwerben. Die Entwickler behaupten, Faraday könne die Schlussfolgerungen bereits veröffentlichter wissenschaftlicher Studien ohne vorherige Hinweise nachvollziehen und habe in internen Tests deutlich größere Spitzenmodelle der Konkurrenz übertroffen.
Aufbau und Fähigkeiten von Faraday
Das Kernmerkmal des Systems ist der Betrieb auf Basis des vergleichsweise kleinen Modells Qwen 3.6 mit 27 Mrd. Parametern. In internen Tests verglich Inherent Faraday mit Claude Opus 4.8 von Anthropic und GPT-5.5 von OpenAI – deutlich größeren Modellen. Bewertet wurden nicht nur die Fähigkeit, die Ergebnisse der ursprünglichen Arbeit nachzustellen, sondern auch das sogenannte „Forschungsgespür“: die Fähigkeit, eigenständig zu entscheiden, welche Experimente sinnvoll sind und wie sie zu organisieren sind. Mitgründer und Chefwissenschaftler von Inherent, Edward Hughes, betonte, dass eine solche Arbeit auch für Menschen eine Standardvorbereitung ist: Viele Doktoranden beginnen ihre wissenschaftliche Karriere genau mit der Wiederholung bereits durchgeführter Studien.
Trainingsmethode und Endziel des Projekts
Zum Training von Faraday wurde die Methode des Reinforcement Learning (RL) gewählt: Das System erhält eine Belohnung für ein erfolgreiches Ergebnis, anstatt vorab festgelegten starren Regeln zu folgen. Hughes betonte, dass für das Team genau dieser Ansatz wichtiger war als der Sieg über die Konkurrenz selbst. Das Endziel von Inherent ist die Schaffung eines KI-Wissenschaftlers, der nicht nur bestehende Schlussfolgerungen überprüft, sondern neues wissenschaftliches Wissen gewinnt. Der Startup versucht dabei nicht, alle Werkzeuge selbst zu entwickeln: Für die Programmierung nutzt Faraday beispielsweise GPT-5.5 Codex von OpenAI, was Inherent mit der Arbeit gewöhnlicher Forscher vergleicht, die fertige Software verwenden.
Widersprüchliche Daten
Wichtig ist zu beachten, dass das behauptete Überlegenheit von Faraday gegenüber Claude Opus 4.8 und GPT-5.5 auf internen Tests des Startups selbst basiert und nicht auf einem unabhängigen öffentlichen Benchmark. Daher können die Zahlen und Schlussfolgerungen derzeit nicht als von einer dritten Partei verifiziert gelten. Außerdem stützt sich der Agent für die Programmierung auf GPT-5.5 Codex von OpenAI, weshalb ein direkter Vergleich seiner Ergebnisse mit einem „reinen“ GPT-5.5 methodisch umstritten ist: Ein Teil der Rechenarbeit wird tatsächlich von einem Werkzeug desselben Anbieters ausgeführt, mit dem der Vergleich gezogen wird. Die Entwickler betonen ihrerseits, dass dies eine zulässige Praxis ist, vergleichbar mit der Verwendung fertiger Software in der realen Wissenschaft.
Team, Standort und Position zur Garden Leave
Derzeit arbeiten bei Inherent etwa 12 Mitarbeiter im Londoner Stadtteil King's Cross, und bis Jahresende soll der Personalstand auf 20–25 Personen erweitert werden. Hughes bezeichnete den Stadtteil als geeignet, dank der hohen Konzentration von KI-Spezialisten. Gleichzeitig sprach er sich gegen die in Großbritannien verbreitete Praxis der Garden Leave aus, bei der ein scheidender Mitarbeiter mehrere Monate lang nicht zu Wettbewerbern wechseln oder ein eigenes Unternehmen gründen darf: Der Geschäftsführer erzählte, dass er selbst vor der Gründung von Inherent zusammen mit anderen Google-DeepMind-Aussteigern mit einer solchen Einschränkung konfrontiert war.