Die Kräfteverhältnisse in der Welt haben sich verschoben: Islandien hat sich den Status des teuersten Landes der Erde zurückerobert und überholt erstmals seit mehreren Jahren die Schweiz. Diese paradoxe Wende, die Bloomberg meldet, ist das Ergebnis eines rapiden Preisanstiegs in der skandinavischen Republik, der sogar die berühmte Schweizer Teuerung überholt hat.

Preise höher als in Zürich

Berechnungen des Gewerkschaftsverbandes Viska, basierend auf Daten von Eurostat und der Zentralbank Islands, zeigen, dass das Preisniveau im Land nun drei Prozentpunkte über dem der Schweiz liegt. Zuletzt waren die isländischen Preise noch im Jahr 2018 höher als die Schweizer. Wenn man sich auf die Eurostat-Daten von 2024 stützt, sah das auf die Kaufkraft angepasste Preisniveau in der Schweiz noch immer mehr als sieben Punkte höher aus als in Islandien, doch die Realität des Jahres 2025 hat dieses Bild bereits verändert.

Tourismus als Motor der Inflation

Hauptursache dieses ökonomischen Phänomens war der postpandemische Tourismusboom. Für Islandien ist Tourismus nicht nur eine Branche, sondern der wichtigste Wachstumsmotor, der jedoch auch eine Kehrseite hat. Williammur Hilmarsson, Ökonom der Gewerkschaft, erklärt die Situation einfach: Tourismus treibt die Inflation im Dienstleistungssektor an. Die Nachfrage zwingt Unternehmen, die Löhne zu erhöhen, was am Ende Waren und Dienstleistungen für alle verteuert.

Besonders hart traf es den Wohnungsmarkt. Touristen, die Unterkünfte über Dienste wie Airbnb buchen, konkurrieren direkt mit Einheimischen, drängen verfügbare Wohnungen vom Markt und treiben die Mietpreise in die Höhe. Die Zentralbank versucht, dieses Wachstum zu bremsen, doch die Aufgabe wird immer schwieriger.

Das Paradoxon der Beliebtheit

Die Situation ist bis zum Absurden eskaliert: Islandien wird so teuer, dass es genau jene Touristen abschreckt, für die es sich entwickelt. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Nationalen Tourismusrats bestätigte, dass hohe Ausgaben bereits die Attraktivität des Landes für Reisende beeinträchtigen.

Wende nach Europa?

Vor dem Hintergrund innerer wirtschaftlicher Turbulenzen erwägt Islandien externe Optionen zur Stabilisierung. Am 29. August findet im Land ein Referendum über die Wiederaufnahme der Verhandlungen über einen Beitritt zur Europäischen Union statt. Das Land hatte bereits 2009 nach der Finanzkrise einen Antrag auf Mitgliedschaft eingereicht, den Prozess aber 2015 mit Verweis auf Probleme der Eurozone ausgesetzt. Jetzt, konfrontiert mit eigenen inflationären Herausforderungen, denkt Reykjavik erneut über eine Integration in den europäischen Markt nach.