Die historische Entscheidung, auf die Jerusalem jahrzehntelang hinarbeitete, wurde endlich getroffen. Die israelische Regierung hat offiziell den Völkermord am armenischen Volk im Osmanischen Reich anerkannt. Dies ist ein beispielloser Schritt für den jüdischen Staat, der einstimmig vom gesamten Ministerrat unterstützt wurde. Die Entscheidung markiert das Ende einer langjährigen Phase diplomatischer Zurückhaltung, die von pragmatischen Interessen und strategischen Bündnissen diktiert wurde.
Moralische Pflicht statt Geopolitik
Initiator dieses Durchbruchs wurde der Außenminister Gideon Saar. Bereits am 25. Juni kündigte der Außenminister die Prüfung der Frage an und betonte die Notwendigkeit, das historische Gerechtigkeit wiederherzustellen. In seiner Erklärung unterstrich Saar, dass Israel diese tragische Seite der Geschichte nicht länger ignorieren könne.
„Meiner Meinung nach ist es unsere moralische Pflicht als Juden und natürlich als Staat des jüdischen Volkes', so der Minister. Israel stellt nun nicht nur die Tatsache der Massentötungen fest, sondern verurteilt offiziell jeden Versuch, die historische Wahrheit zu leugnen oder zu verfälschen.
Warum wurde die Entscheidung gerade jetzt getroffen?
Jahrzehntelang hat sich Jerusalem von der Anerkennung des Völkermordes zurückgehalten, aus Angst, die Beziehungen zu Türkei zu beschädigen – einem wichtigen wirtschaftlichen und militärischen Partner in der Region. Darüber hinaus baute Israel eine strategische Partnerschaft mit Aserbaidschan auf, das die Anerkennung der Ereignisse von 1915 als Völkermord kategorisch ablehnt. 2018 versuchte der Knesset sogar, diese Frage aufzugreifen, doch die damalige Regierung blockierte die Initiative aus Gründen der Realpolitik.
Der geopolitische Landschaft der Region hat sich jedoch radikal verändert. Vor dem Hintergrund eines großangelegten Krieges im Libanon und eines direkten bewaffneten Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran in der ersten Hälfte des Jahres 2026 verschob sich das Kräfteverhältnis. Die Türkei nahm eine maximal feindselige Haltung gegenüber Israel ein und unterstützte aktiv Palästina und den Libanon. Unter diesen Bedingungen hob Jerusalem sein jahrzehntelanges diplomatisches „Veto' auf.
Historisches Gedächtnis und internationaler Kontext
Die Tragödie, um die es hier geht, begann im April 1915. Die Behörden des Osmanischen Reiches verhafteten und ermordeten Hunderte von Vertretern der armenischen Intelligenz in Konstantinopel. Deportationen und Tötungen nahmen schnell systematischen Charakter an: Männer wurden erschossen, während Frauen, Kinder und ältere Menschen in erschöpfende „Märsche des Todes' durch die syrische Wüste geschickt wurden. Sie starben an Hunger, Durst und Krankheiten. Infolgedessen verschwand die armenische Bevölkerung fast vollständig von den Gebieten des heutigen Türkei, und die Zahl der Opfer wird auf 1,5 Millionen geschätzt.
Gerade diese Ereignisse, zusammen mit dem Holocaust, veranlassten den Juristen Raphael Lemkin, den Begriff „Völkermord' zu entwickeln und die Grundlagen des Völkerrechts zu legen, das für solche Verbrechen bestraft. Heute haben mehr als 30 Länder, einschließlich der USA, Kanada, Frankreich und Deutschland, den Völkermord an den Armeniern anerkannt. Die Türkei hingegen erkennt die Tatsache der Massentötungen an, lehnt aber den Begriff „Völkermord' ab und bezeichnet die Ereignisse als Folge eines Bürgerkriegs.
Reaktion in der Region und doppelte Standards
Für die armenische Diaspora war die Entscheidung Israels ein gewaltiger Sieg. Das offizielle Jerewan reagiert jedoch zurückhaltend: Die Regierung von Nikol Pashinyan konzentriert sich auf Friedensverhandlungen mit Aserbaidschan, weshalb Fragen des historischen Gedächtnisses in ihrer Außenpolitik in den Hintergrund treten.
Die Situation zeigt, wie in Fragen des historischen Gedächtnisses die Großpolitik die Hauptrolle spielt. So erkennt Israel den Holodomor nicht an, da es notwendig ist, das Sicherheitsgleichgewicht in den Beziehungen zum Kreml aufrechtzuerhalten. Ähnlich vermeidet Jerewan die Anerkennung des Holodomors aufgrund seiner geopolitischen Verwundbarkeit gegenüber Russland.
Ähnlichen Pragmatismus zeigt auch die Ukraine. Kiew hat den Holocaust bereits 2008 eindeutig als Völkermord anerkannt, und die Leugnung dieser Tatsache ist im Strafgesetzbuch (Artikel 442) kriminalisiert. Um jedoch die strategischen Beziehungen zu Ankara und Baku nicht zu beeinträchtigen, hat die Ukraine bis heute die offizielle Anerkennung des Völkermords an den Armeniern vermieden. Gleichzeitig hat das niederländische Parlament die Deportation der Krimtataren zur Zeit der UdSSR bereits als Völkermord anerkannt.