Der russische Präsident Wladimir Putin berichtet immer häufiger öffentlich über die „territorialen Erfolge“ seiner Truppen. Doch laut dem Institute for the Study of War (ISW) lässt sich ein erheblicher Teil dieser Aussagen in offenen Quellen nicht belegen. Wie RBC-Ukraine unter Verweis auf einen aktuellen Analysebericht des ISW berichtet, versichert der Kremlchef dem russischen Publikum weiterhin, dass die vollständige Eroberung der Oblast Donezk „planmäßig“ voranschreite, während die tatsächliche Dynamik der Vorstöße russischer Einheiten deutlich bescheidener ausfällt. Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Rhetorik und den Daten aus Geolokalisierung und offenen Quellen ist nach Einschätzung amerikanischer Analysten systematischer Natur und wird seit Monaten an verschiedenen Abschnitten der Frontlinie festgestellt.
Zahlen, die nicht aufgehen
Als charakteristisches Beispiel führt das ISW die Aussage Putins an, dass die russische Armee im vergangenen Monat (August) angeblich 15 Ortschaften mit einer Gesamtfläche von 270 Quadratkilometern in der Oblast Donezk besetzt habe. Laut Berechnungen des Instituts auf Basis offener Daten kontrollierten die Russen im selben Zeitraum jedoch lediglich 73,14 km² des Gebiets der Oblast Donezk. Betrachtet man das gesamte Kriegsschauplatz, gelang es den russischen Truppen im Monatsvergleich insgesamt, 90,35 km² zu sichern oder zu erobern — die behaupteten „270 Quadratkilometer“ in der Oblast Donezk übersteigen also selbst den realen Gesamtwert über die gesamte Front. Die Analysten betonen, dass Putin seinen Truppen mindestens 15 Mal Fristen für die totale Eroberung der Oblast Donezk gesetzt habe, und keine dieser Fristen eingehalten wurde.
Swjatohorsk und Kaschtschaja Lopanj: Der Mythos von der Eroberung
Besondere Aufmerksamkeit verdienen die Aussagen zu konkreten Ortschaften. Putin hatte behauptet, die russische Nordgruppe habe Swjatohorsk angeblich eingenommen. Das ISW stellt fest, dass die russischen Truppen selbst bei ihrem maximalen Vorstoß Ende Frühling — Anfang Sommer nicht näher als 13 Kilometer an der Stadt waren, es also keine vollständige Kontrolle über sie gab. Ähnlich verhält es sich mit Kaschtschaja Lopanj: Die großspurige Behauptung ihrer „Eroberung“ erwies sich ebenfalls als falsch. Nach den neuesten Angaben halten die Kämpfer der ukrainischen Streitkräfte in dieser Ortschaft weiter die Verteidigung, und die Präsenz der Besatzer wird auf etwa 13,39 % ihres Gebiets festgestellt — weit von vollständiger Kontrolle entfernt.
„Einkesselung“ bei Peski-Radkiwska
Ein weiterer Fall aus dem ISW-Bericht betrifft die Aussage Putins, dass die russische Westgruppe angeblich 13 ukrainische Bataillone — rund 5.000 Soldaten — am Ostufer des Oski-Reservoirs bei Peski-Radkiwska eingekesselt habe. Das Institute for the Study of War fand keine Beweise für die Anwesenheit russischer Truppen im angegebenen Gebiet, geschweige denn für eine Einkesselung ukrainischer Kräfte. Auch dieser „Sieg“ bleibt somit in offenen Quellen unbelegt.
Widersprüchliche Daten
Hier gilt es, zwei Versionen ehrlich gegenüberzustellen. Einerseits zeichnet die offizielle Position des Kremls, die durch Putins Aussagen vermittelt wird, ein Bild eines beständigen und planmäßigen Vordringens: Dutzende Ortschaften, Hunderte Quadratkilometer, „Einkesselungen“ feindlicher Bataillone und die Eroberung wichtiger Städte wie Swjatohorsk. Andererseits liefert das unabhängige Faktenchecking des ISW auf Basis offener Quellen ein grundlegend anderes Bild: 73,14 km² in der Oblast Donezk statt der behaupteten 270, 90,35 km² über die gesamte Front, ein 13-Kilometer-Abstand zu Swjatohorsk, lediglich 13,39 % von Kaschtschaja Lopanj und das vollständige Fehlen von Beweisen für eine „Einkesselung“ bei Peski-Radkiwska. Die Differenz zwischen den beiden Versionen beträgt in Einzelfällen eine mehr als dreifache Abweichung in der Fläche. Solange keine unabhängigen Belege vorliegen, bleiben beide Darstellungen im Widerspruch, und der Leser sollte beachten, dass die offiziellen Zahlen des Kremls systematisch nicht durch offene Daten bestätigt werden.
Diplomatischer Kontext
Vor dem Hintergrund dieser Aussagen berichtet RBC-Ukraine auch, dass Wladimir Putin und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die Lage um die Ukraine bei geschlossenen Verhandlungen besprachen. Parallel registrierte das Medium die Reaktion des Kremlchefs auf die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, die Angriffe gegen Russland zu verstärken. Die Gesamtheit dieser Ereignisse zeigt, dass die öffentliche Rhetorik über „territoriale Erfolge“ vor dem Hintergrund diplomatischer Aktivität und eines anhaltenden militärischen Konflikts geführt wird, in dem die Diskrepanz zwischen Behauptetem und Realem ein zentrales Thema für Analysten bleibt.