Angesichts der laufenden Bemühungen um eine diplomatische Lösung hat das Telefonat zwischen Wladimir Putin und Donald Trump vom 8. September die Aufmerksamkeit der Analysten auf sich gezogen. Laut Einschätzung des Instituts für Kriegsstudien (ISW), wie von RBC-Ukraine zitiert, hat der russische Präsident seinem amerikanischen Amtskollegen vermutlich ein verzerrtes Bild der Lage an der Front dargelegt, um die USA zu einem verstärkten Druck auf die Ukraine zu bewegen.
Kontext des Anrufs
Wie der Assistent des russischen Präsidenten Juri Uschakow mitteilte, dauerte das Gespräch zwischen Putin und Trump etwa eine Stunde und war laut mehreren Medienberichten streng vertraulich. Das Telefonat erfolgte vor dem Hintergrund der kürzlichen Reise der Sonderbeauftragten der USA, Steve Witkoff und Jared Kushner, nach Moskau und Kiew; die Ergebnisse der Treffen mit ihnen wurden ebenfalls telefonisch besprochen. Nach Angaben Uschakows legte Putin Trump im Detail seine Einschätzung der Lage auf dem Schlachtfeld dar und nannte Maßnahmen, die aus Sicht Moskaus zu einer baldigen Beendigung des Krieges beitragen könnten.
Einschätzung des ISW: systematische Verzerrung
Das Institut für Kriegsstudien geht davon aus, dass das Bild, das Putin vermutlich weitergegeben hat, aufgrund systematischer Desinformation durch das russische Militärkommando erheblich verzerrt ist. Die Analysten betonen, dass der Kremlchef regelmäßig übertriebene Aussagen über die Vorstöße der russischen Truppen macht und so den Eindruck eines dauerhaften und unausweichlichen Erfolgs erweckt. Nach Ansicht des ISW könnte genau diese Interpretation der Ereignisse im Gespräch mit Trump genutzt worden sein, um den amerikanischen Präsidenten zu überzeugen, den Druck auf Kiew zu verstärken und dessen Zustimmung zu den russischen Bedingungen zu erwirken.
Widersprüchliche Angaben
Hier ist es wichtig, zwei Versionen zu unterscheiden. Der Kreml stellt das Gespräch nach Worten Uschakows als inhaltlichen und sachlichen Austausch von Einschätzungen dar: Putin habe „im Detail“ sein Bild der Front und konkrete Vorschläge zur Beendigung des Konflikts dargelegt. Das ISW charakterisiert denselben Informationsbestand hingegen als systematisch verzerrt und auf Desinformation des Militärkommandos gestützt. Der Unterschied betrifft also nicht die Tatsache des Anrufs selbst, sondern die Interpretation seines Inhalts: Für Moskau ist es eine gut begründete Position, für westliche Analysten ein Versuch, eine falsche Dynamik an der Front aufzuzwingen.
Reaktion und weiterer Kontext
Nach den Verhandlungen wurden ähnliche Thesen auch von anderen Vertretern des Kremls geäußert. Das ISW stellt fest, dass Moskau trotz deutlicher Veränderungen der Lage auf dem Schlachtfeld zugunsten der Ukraine weiterhin an seinen bisherigen Bedingungen festhält. Zuvor hatte das Institut darauf hingewiesen, dass Russland keine Bereitschaft zeigt, seine Forderungen wesentlich zu ändern, um den Krieg zu beenden, und die angestrebten Ziele vor allem durch die Fortsetzung der Kampfhandlungen erreichen will. In diesem Kontext wird der telefonische Kontakt der beiden Staatsführer von den Analysten nicht als Schritt zu einem Kompromiss, sondern als Druckmittel auf Kiew über Washington betrachtet.