Der Kreml verzichtet auf eine offizielle Mobilisierung, aber nicht auf den Krieg
Die britische Zeitung The Guardian berichtet unter Berufung auf hochrangige Quellen in Moskau und westlichen Geheimdiensten über eine entscheidende Entscheidung der russischen Führung: Im Jahr 2026 plant Wladimir Putin keine neue Welle offizieller Mobilisierung. Der Kreml besteht weiterhin darauf, dass die Armee ausschließlich durch freiwillige Vertragsoldaten aufgefüllt wird. Hinter der Fassade der „Freiwilligkeit' verbirgt sich jedoch eine harte Realität, die Menschenrechtsaktivisten und Experten bereits als „Jagd auf Menschen' bezeichnen.
Die Veröffentlichung bestätigt, dass Moskau bestrebt ist, ein Wiederholungsszenario des Jahres 2022 zu vermeiden, als die Teilmobilisierung zu einem Rückgang der Regierungsratings und einer massiven Abwanderung der Bevölkerung führte. Dennoch bedeutet das Fehlen eines offiziellen Dekrets nicht das Ende der Zwangsmaßnahmen. Im Gegenteil haben sich die Rekrutierungsmethoden raffinierter und aggressiver entwickelt, wobei die Verantwortung vom Bundeszentrum auf die regionalen Behörden abgewälzt wird.
Der Preis der „Fleischstürme' und der Mangel an Personal
Die Gründe für den Verzicht auf eine offizielle Mobilisierung liegen auf der Hand: politische Risiken und die demografische Krise. Laut geheimen Umfragen ist der Anteil der Russen, die glauben, dass der Krieg erfolgreich verläuft, auf ein historisches Tief seit dem Frühjahr 2022 gesunken. Eine erneute erzwungene Einberufung könnte zum Katalysator für einen inneren sozialen Zusammenbruch werden.
Doch an der Front diktieren die Umstände ihre eigenen Bedingungen. Die Taktik der Erschöpfung des Gegners, bekannt als „Fleischstürme', führt zu enormen Verlusten. Die durchschnittlichen monatlichen Verluste der russischen Streitkräfte (getötet und verwundet) liegen stabil über 30.000 Personen. Um diese Verluste zu decken und offensive Reserven aufzubauen, hat das Verteidigungsministerium den Regionen einen drakonischen Plan für 2026 vorgelegt: die Rekrutierung von 409.000 Vertragsoldaten. Der aktuelle Rekrutierungstempo von 1.000 Personen pro Tag reicht kaum aus, um die Lücken an der Frontlinie zu schließen, und ermöglicht keine aktiven Offensivoperationen.
„Jagd auf Menschen': Verdeckte Zwangsmethoden
Um den Rekrutierungsplan ohne eine offizielle Mobilisierung zu erfüllen, haben sich die Methoden der Militärkommissariate drastisch verschärft. Menschenrechtsorganisationen, einschließlich des Projekts „Geh in den Wald', verzeichnen einen starken Anstieg aggressiver Rekrutierung. Männer werden bei Streifen auf der Straße festgenommen, direkt von ihren Arbeitsplätzen abgeholt und unter Androhung strafrechtlicher Verfolgung oder physischem Druck gezwungen, Verträge zu unterschreiben.
Zu den Zielgruppen gehören Studenten von Fachhochschulen, die massenhaft in neue Einheiten für Drohnenpiloten gelockt werden, sowie Schuldner und Gefangene. Das Gesetz, das die Entsendung von wegen schwerer Verbrechen verurteilter Personen an die Front erlaubt, ist zu einem Instrument zur Auffüllung der Reihen geworden. In einigen Regionen, darunter die Gebiete Pensa, Omsk und Uljanowsk, hat sich die Situation so zugespitzt, dass die Einheimischen informelle Widerstandsgruppen gegen die Rekrutierer gebildet haben.
Das Paradoxon der Gerüchte als Marketingstrategie
Der zynischste Aspekt der neuen Strategie ist die Nutzung von Panik als Rekrutierungsinstrument. Die Rekrutierer vor Ort nutzen aktiv die in Telegram-Chats kursierenden Gerüchte, dass die „Mobilisierung im Herbst unmittelbar nach den Septemberwahlen zur Duma beginnen wird'.
Die Botschaft der Rekrutierer ist einfach und effektiv: „Die Einberufung wird sowieso stattfinden, also unterschreibe jetzt freiwillig einen Vertrag, solange es hohe Einmalzahlungen gibt, sonst wirst du nächsten Monat kostenlos abgeholt'. Auf diese Weise versucht der Kreml, die Front durch „verdeckten Zwang' zu halten und die Verkündung eines offiziellen Dekrets bis zum letzten kritischen Moment hinauszuzögern.
Widersprüchliche Daten
Es besteht eine deutliche Diskrepanz zwischen der offiziellen Rhetorik und der Realität vor Ort. Einerseits bezeichnen offizielle Persönlichkeiten, darunter Dmitri Medwedew, weiterhin öffentlich Berichte über eine Mobilisierung als „lügende Provokation' und bestehen auf dem freiwilligen Charakter des Dienstes. Andererseits deuten Daten von Menschenrechtlern und westlichen Analysten darauf hin, dass die Freiwilligkeit eine Fiktion ist und die Rekrutierungsmethoden sich faktisch nicht von der erzwungenen Einberufung unterscheiden, lediglich das entsprechende rechtliche Format fehlt.