Vor dem Hintergrund anhaltender Angriffe auf die kritische Infrastruktur hat sich in den ukrainischen Medien und sozialen Netzwerken aktiv die Version verbreitet, dass die Behörden angeblich nicht nur im Energiesektor, sondern auch in den Bereichen Wärme- und Wasserversorgung sowie Internetbetrieb einen Notstand ausgerufen hätten. Anlass für solche Veröffentlichungen war der Beschluss des Ministerkabinetts der Ukraine Nr. 1292, den einige Medien als Ausweitung des Notstandsregimes auf neue Branchen interpretierten. Wie jedoch RBC-Ukraine unter Berufung auf eine offizielle Erklärung des Kabinetts auf Facebook berichtet, hat die Regierung diese Auslegung ausdrücklich dementiert: Weder im Energiesektor noch in der Wärmeversorgung oder in einem anderen Bereich wurde ein Notstand verhängt.
Offizielle Position der Regierung
Der Pressedienst des Ministerkabinetts betonte, dass der Beschluss Nr. 1292 ausschließlich organisatorischer Natur ist. Nach Angaben von Regierungsvertretern wird in dem Dokument kein neues Notstandsregime ausgerufen — es legt lediglich fest, wer konkret für die Wiederherstellung von Anlagen nach Angriffen verantwortlich ist und wie die Maßnahmen zwischen den Behörden koordiniert werden. „Tatsächlich hat die Regierung Leiter für die Beseitigung der Folgen russischer Angriffe auf die kritische Infrastruktur ernannt. Nun sind konkrete Minister für die Beseitigung der Folgen in den Bereichen Energie, Wärme- und Wasserversorgung sowie Kommunikation verantwortlich. Künftig wird ihre gemeinsame Arbeit von einem gemeinsamen Stab koordiniert“, so das Kabinett. Es geht somit um eine Aufgabenverteilung und die Schaffung eines Koordinierungsmechanismus, nicht aber um die Einführung eines besonderen Rechtsregimes.
Kerngehalt des Beschlusses Nr. 1292
Wenn man den emotionalen Hintergrund der Veröffentlichungen beiseite lässt, läuft der Inhalt des Dokuments auf eine administrative Entscheidung hinaus: Für jeden Sektor der kritischen Infrastruktur sind konkrete verantwortliche Minister benannt, und ihre gemeinsamen Maßnahmen werden über einen einheitlichen Stab koordiniert. Dies bedeutet, dass beim nächsten Strom-, Wärme- oder Wasserausfall klar bekannt sein wird, welches Ministerium und welcher Leiter die Verantwortung für die Beseitigung der Folgen und die Wiederherstellung des Systembetriebs tragen. Die Regierung besteht darauf, dass eine solche Entscheidung darauf abzielt, die Steuerbarkeit in Krisensituationen zu erhöhen, und nicht darauf, die Liste der als „Notstand“ eingestuften Bereiche zu erweitern. Genau dieser Unterschied — zwischen organisatorischer Rollenverteilung und der Einführung eines Notstandsregimes — wurde zur Quelle von Fehlinterpretationen im Medienraum.
Kontext: Tägliche Angriffe auf die Energieversorgung
Das Dementi erfolgte vor dem Hintergrund, dass Russland weiterhin täglich Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine verübt, was in mehreren Regionen zu Stromausfällen führt. Insbesondere schlugen die Besatzer am 20. Oktober in einer Energieanlage im Rayon Schewtschenko in Kiew ein, wodurch in vier Bezirken der Hauptstadt gleichzeitig Stromausfälle verzeichnet wurden. Genau solche regelmäßigen Angriffe nähren Gerüchte über eine „Ausweitung“ des Notstandsregimes: Je häufiger Stromausfälle auftreten, desto aktiver tauchen in den Netzwerken Meldungen über neue „Notstandsentscheidungen“ auf, die dann von der Regierung mühsam einzeln richtiggestellt werden müssen.
Wasserversorgung unter Druck
Besondere Aufmerksamkeit verdient der Bereich der Wasserversorgung, der in letzter Zeit aufgrund von Schäden an Energie- und Versorgungsnetzen zunehmend in die Risikozone gerät. Auf den Straßen ukrainischer Städte sieht man immer häufiger Spezialfahrzeuge für die Notwasserversorgung — Zisternen mit der Aufschrift „аварійна підвезення води“, die unter Bedingungen von Versorgungsausfällen im Einsatz sind. Dies verdeutlicht, dass Probleme mit Wasser und Wärme tatsächlich existieren und ein rasches Eingreifen erfordern, sie werden jedoch, wie das Kabinett erläutert, durch organisatorische Mechanismen und ernannte verantwortliche Minister gelöst und nicht durch die formelle Verhängung eines Notstands. Die reale Arbeit zur Beseitigung der Angriffsfolgen wird somit fortgesetzt, aber ihre rechtliche Qualifikation wird von der Regierung eindeutig interpretiert: In keinem der genannten Bereiche wurde ein Notstand verhängt.