Die kalifornische Energiekommission (CEC) hat die ersten verbindlichen Anforderungen an die Energieeffizienz von Autoreifen in der Geschichte der USA genehmigt, die als Ersatz für verschlissene Reifen verkauft werden. Die neue Vorschrift macht den Bundesstaat zum Pionier in einem Bereich, der traditionell in der Zuständigkeit der Bundesbehörden lag. Der erste Schritt des Inkrafttretens ist auf das Jahr 2029 festgelegt: Ab diesem Zeitpunkt muss jeder als Ersatz montierte Reifen im Durchschnitt ein Energieeffizienzniveau aufweisen, das dem der Originalreifen nicht nachsteht, mit denen neue Fahrzeuge vom Werk aus ausgestattet werden. Die Initiative hat die Automobilwelt bereits in zwei Lager gespalten – Befürworter und Kritiker.
Warum der Reifenwechsel Geldbeutel und Reichweite trifft
Die CEC erklärt die Logik des neuen Ansatzes mit einfacher Physik: Der entscheidende Parameter, der den Verbrauch von Kraftstoff oder Strom bestimmt, ist der Rollwiderstand. Hersteller von Fahrzeugen montieren bei der Ausstattung neuer Autos in der Regel Reifen mit reduziertem Rollwiderstand, sodass mit demselben Benzin- oder Ladevolumen eine größere Strecke zurückgelegt werden kann. Bei der planmäßigen Erneuerung wählen Fahrer jedoch häufig günstigere Modelle mit veralteten Eigenschaften, wodurch das Fahrzeug einen Teil seiner Kraftstoffeffizienz verliert und ein Elektrofahrzeug seine Reichweite. Die neuen Standards sollen diese „Lücke“ im Energiebilanz schließen und den Markt dazu zwingen, als Ersatz mindestens ebenso effiziente Lösungen anzubieten.
Milliarden-Ersparnis und 400.000 „entfernte“ Fahrzeuge
Laut Berechnungen der kalifornischen Energiekommission ermöglicht die Einführung der Standards den Bewohnern des Bundesstaats, jährlich rund eine Milliarde Dollar für Benzin und Strom zu sparen. In ökologischer Hinsicht prognostiziert die CEC eine Reduktion der Kohlendioxidemissionen um etwa zwei Millionen Metertonnen pro Jahr – eine Größenordnung, die die Kommission dem Ausmustern von rund 400.000 Benzinautos gleichsetzt. Für einen Bundesstaat, in dem der Anteil der Elektrofahrzeuge auf den Straßen rasant wächst, wird der Erhalt der vom Hersteller angegebenen Reichweite nicht nur zum Marketingargument, sondern zu einem Faktor der alltäglichen Mobilität.
Umweltschützer und Michelin dafür, Goodyear und Yokohama dagegen
Umweltorganisationen haben die Entscheidung mit Zustimmung aufgenommen. Bill Magavern, Politikdirektor der Clean Air Coalition, erklärte, dass Kalifornier sowohl an der Ersparnis von Geld als auch an der Reduktion der Emissionen interessiert seien, und äußerte die Überzeugung, dass die Standards den Markt dazu anregen, „Reifen höchster Qualität“ anzubieten. Besonders betonte Magavern die strategische Bedeutung des Umstands, dass die kalifornischen Regeln keiner bundesstaatlichen Genehmigung bedürfen, was vor dem Hintergrund des anhaltenden Konflikts der Donald-Trump-Regierung mit den Umweltinitiativen der Bundesstaaten besonders relevant ist. Unter den Herstellern unterstützte Michelin die Position des Regulierungsorgans und stellte fest, dass die festgelegten Ziele „technisch erreichbar“ seien und ihrem Ansatz zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks von Reifen über den gesamten Lebenszyklus entsprächen. Goodyear, Yokohama und der kalifornische Reifenhandelsverband sprachen sich hingegen kritisch aus und wiesen auf steigende Kosten für den Endverbraucher sowie auf die Schwierigkeit hin, die Einhaltung der Standards beim Import günstiger Reifen aus dem Ausland zu kontrollieren.
Widersprüchliche Daten
Die von den verschiedenen Seiten angeführten Zahlen zeichnen ein widersprüchliches Bild der wirtschaftlichen Folgen. Die CEC beziffert den Gesamtvorteil für die Fahrer auf eine jährliche Ersparnis von einer Milliarde Dollar für Kraftstoff und Energie, während Vertreter der Reifenbranche (Goodyear, Yokohama, Handelsverband) auf die direkte Verteuerung hinweisen: Nach ihrer Einschätzung wird der erste Schritt den Preis des Reifenwechsels um sechs bis zehn Dollar pro Reifen erhöhen, und der zweite Schritt, der 2033 in Kraft tritt, kann einen Satz entsprechender Reifen um Hunderte von Dollar teurer als die Basisalternativen machen. Der Regulierer setzt also auf langfristige Ersparnisse durch Energieeffizienz, während die Branche die steigenden Anfangskosten und die Risiken, die mit den Durchsetzungsmechanismen verbunden sind, betont. Keiner der beiden Seiten wird der bloße Fakt der Preisänderung bestritten, jedoch gehen die Bewertungen darüber auseinander, ob die mehrjährige Ersparnis bei der Kraftstoffkosten den einmaligen Preisanstieg beim Kauf überwiegt.
Zweiter Schritt und Importrisiken
Neben dem ersten Schritt im Jahr 2029 sieht die Vorschrift strengere Anforderungen vor, die 2033 in Kraft treten sollen. Gerade dieser zweite Schritt löst bei den Reifenhändlern die größte Sorge aus: Laut ihren Angaben werden Reifen, die den verschärften Kriterien entsprechen, deutlich teurer sein, was die Marge des kleinen Geschäfts treffen könnte. Separat warnten Branchenvertreter, dass es dem Bundesstaat äußerst schwerfallen werde, die Einhaltung der Standards zu kontrollieren, wenn ausländische Hersteller weiterhin günstigere Reifen, die den neuen Anforderungen nicht entsprechen, auf den kalifornischen Markt importieren. Die Frage der Prüf- und Bußgeldmechanismen ist im Text der genehmigten Regeln nach Einschätzung der Kritiker unzureichend ausgearbeitet.